Archiv der Kategorie: SERIE: Ausgewandert nach Dänemark

Die erste Schulstunde in der dänischen Sprachschule – 2. Teil

Nach den ersten Minuten gemeinsam mit meinen künftigen Klassenkameraden konnte es losgehen mit der Dänisch-Schulstunde.

Unsere Lehrerin Pernille bat auf dänisch um Ruhe in der Klasse. Der Lärm verebbte. Alle blickten sie erwartungsvoll an. Zu meinem Schreck zeigte sie auf mich. Sie erklärte, dass ich neu sei und wir daher eine kleine Vorstellungsrunde starten würden. Dies hätten sie im ersten Modul ja ausgiebig geübt.

Reihum stellte sich jeder Schüler in zwei bis drei kurzen, dänischen Sätzen vor. Die Herkunftsländer waren über die ganze Welt verteilt: Zwei Au-Pairs aus Deutschland, ein junger Mann aus Afghanistan, eine Frau aus Pakistan. Die drei Afrikanerinnen, die in den Pausen dafür sorgten, dass alle dänisch sprachen,  kamen aus Nigeria,  Kamerun und von der Elfenbeinküste. Bei der Frau mit dem Punkt auf der Stirn handelte es sich tatsächlich um eine Inderin. Außerdem gab es noch eine Belgierin und die Chinesin.

Schließlich war ich an der Reihe. Nervös stellte ich mich vor und kramte fieberhaft in meinem Gehirn nach dänischen Worten. Als ich fertig war, fragte Pernille, wie lange ich schon in Dänemark sei.

„3 uger“, antwortete ich. 3 Wochen.
„3 uger ?“, hakte sie nach. Meinte ich wirklich Wochen? Oder meinte ich eher 3 Monate? Oder vielleicht 3 Jahre?

Stirnrunzelnd sah ich sie an. Nein, 3 Wochen.
Sie nickte anerkennend. Meine Aussprache sei schon sehr fortgeschritten, erklärte sie. Viele Sprachschüler seien schon mehrere Monate, manche sogar Jahre, in Dänemark. Daher ihre Frage. Sie fragte, wieso ich bereits so gut dänisch sprechen konnte und ich berichtete von meinem PC-Sprachkurs und dem halben Jahr morgendlicher „Vorarbeit“. Die Lehrerin war beeindruckt.

Ich freute mich über die spontane positive Einschätzung, denn bislang hatte ich zwar dänisch gelesen und geschrieben, aber noch kaum gesprochen.

Pernille stand auf und ging zur Tafel. Auf der linken Seite war eine kleine Übersicht aufgezeichnet. Die dänischen Vokale in Lautschrift. Wir würden nun „Vokale singen“, sagte sie. Mit dem Stock zeigte sie auf die einzelnen Vokale und sprach den Laut selbst deutlich aus. Danach mussten wir ihn im Chor wiederholen. Zu meiner Verwunderung waren mehr Vokale aufgeführt, als in der dänischen (und deutschen) Schriftsprache vorhanden waren. Der Unterschied war bei einigen der Lautschrift-Vokalen sehr gering und wäre mir als Nicht-Dänin nicht aufgefallen. Obwohl der Vokal in der Schriftsprache derselbe war, gab es – je nach Wort – einen feinen Ausspracheunterschied. Sprach man diese feine Nuance falsch aus, konnte das Wort eine andere Bedeutung bekommen.

Dies war mir in meinem Dänisch-Eigenstudium überhaupt nicht aufgefallen. Meine Güte. Ich verknotete Zunge und verrenkte den Kiefer bei dem Versuch, den haarfeinen Unterschied korrekt auszusprechen. Danach übten wir, die Vokale in einer Folge schneller auszusprechen. Wir schlossen das Vokaletraining ab, indem wir die einzelnen Vokalgruppen melodisch vorsangen.

Ich blickte mich in der Klasse um. Es machte Spaß, mit so vielen Menschen aus der ganzen Welt dänische Vokale zu singen. Hier waren wir alle gleich. Ausländer in Dänemark, mit demselben Schulniveau (Abitur), die sich in den nächsten Monaten mit der dänischen Sprache abmühen würden.

In den nächsten Stunden lösten sich meine Hemmungen, dänisch zu sprechen, nach und nach in Luft auf. Die anderen Schüler plapperten unbefangen darauf los, verhaspelten sich, machten haarsträubende Fehler, wurden korrigiert und versuchten es erneut. Mit ihrer Unbefangenheit rissen sie mich mit.

Als der Unterricht um 12.15 Uhr zu Ende war, rauchte mir der Kopf. In etwas über 3 Stunden hatte ich mehr Dänisch-Input erhalten als in der Summe der letzten 3 Dänemark-Wochen zusammen. Ich notierte die Hausaufgaben für den nächsten Tag und packte meine Sachen zusammen.

Gut gelaunt machte ich mich mit ein paar Klassenkameraden auf den Weg zur Bushaltestelle. Die Zeit in der Sprachschule würde eine gute und lehrreiche Zeit werden, davon war ich bereits überzeugt.

Der erste Schultag hatte Spaß gemacht. Im Gepäck hatte ich neben Dänisch-Vokabeln ganz viele neue Eindrücke. Meine ersten, eigenen Alltagserlebnisse im Lande. Und ich hatte Menschen kennengelernt, die in einer ähnlichen Situatuion waren wie ich.

Meine Integration ins Land Dänemark hatte endlich begonnen.

 

Fortsetzung folgt

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Die erste Schulstunde in der dänischen Sprachschule – 1. Teil

Es war 8:45 Uhr, an meinem ersten Schultag in der dänischen Sprachschule. Ich hatte zur Sicherheit einen früheren Bus genommen und war eine Viertelstunde zu früh dran. Der Unterricht sollte um 9 Uhr beginnen.

Ich suchte meinen Klassensaal, der auf der Bestätigung des Sprogcenter Hellerup angegeben war. Ich fand ihn auf Anhieb auf dem ersten Gang. Zaghaft betrat ich den leeren Raum. Deutsche Pünktlichkeit… Ich sah mich in dem kleinen Saal um. Schmale Holztische mit je zwei Holzstühlen standen in U-Form vor einer großen Tafel angeordnet.

Ich fühlte mich um 30 Jahre zurückversetzt. Ab heute war ich wieder Schülerin und tauschte den komfortablen Bürostuhl gegen diese niedrigen, unbequem aussehenden Holzstühle. Unschlüssig blickte ich mich um. Wo sollte ich mich hinsetzen? In diesem Moment betrat eine Gruppe junger Frauen und Männer den Raum. Sie redeten wild durcheinander. Lautes Gelächter erfüllte den Klassensaal. Freundlich begrüßten einige mich mit „Hej“. Ich grüßte zurück.

Ich beobachtete, wie sich die Gruppe im Klassensaal verteilte und versuchte, Alter und Herkunft zu schätzen. Ich tippte auf 20 bis 35 Jahre. Eine Frau schien etwas älter, war aber aufgrund von fremdartiger Kleidung und Aufmachung schwer einzuschätzen. Sie hatte einen dunklen Punkt auf der Stirn, genau zwischen den Augenbrauen. Vermutlich aus Indien, dachte ich. Einige Männer und Frauen sahen europäisch aus. Andere Schüler hatten eine dunkle Hautfarbe. Die erste Schulstunde in der dänischen Sprachschule – 1. Teil weiterlesen

Schulanfang in der dänischen Sprachschule

Gestärkt von meinem ersten Wochenende, das ich alleine in Dänemark verbracht hatte, machte ich mich am Dienstag Morgen auf den Weg zur Bushaltestelle. Wenige Minuten später kam auch schon Bus 184, der mich nach Hellerup bringen sollte. Ich war aufgeregt und hatte ein mulmiges Gefühl im Magen.

Heute war mein erster Schultag!

In einer halben Stunde würde ich im Sprogcenter Hellerup auf meine neuen Klassenkameraden treffen, die sich schon seit einigen Wochen mit der dänischen Sprache abkämpften. Die Klasse hatte nach sechs Wochen Unterreicht nun das 1. Sprachmodul abgeschlossen. Diejenigen, die die Prüfung bestanden hatten, würden heute – gemeinsam mit mir – das 2. Modul beginnen.

Ich war aufgeregt, wie ein kleines Kind vor seinem ersten Schultag. Dass ich bereits 13 Jahre die Schulbank gedrückt und danach über ein Jahrzehnt erfolgreich im Arbeitsleben gestanden hatte, schien für mein Nervenkostüm wenig relevant zu sein.

Der heutige Tag war für mich jedoch auch ein neuer Meilenstein! Heute trat ich den ersten „richtigen“, ernsthaften Schritt auf meine neue Heimat zu, auf mein Leben in Dänemark.

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Strohwitwe

Inmitten meiner ersten ernsthaften Heimweh-Phase musste ich ein erstes Wochenende als Strohwitwe überstehen. Mein Däne hatte mit seinen Freunden eine längere Angeltour geplant. Mit Übernachtung. Die Tage vor dem Wochenende war ich nervös. Ich hatte ohnehin schon Heimweh und fühlte mich entwurzelt. Nun würde ich zwangsläufig zwei Tage alleine an einem Ort verbringen müssen, der erst allmählich auf dem Weg war, sich zu meinem Zuhause zu entwickeln.

„Mary allein zuhaus“!

Ich überlegte fieberhaft, was ich mir für das Wochenende vornehmen konnte, damit mir in der Wohnung nicht 48 Stunden lang die Decke auf den Kopf fiel und ich womöglich panische Abreiseentscheidungen traf. Mein Blick fiel auf das Regal mit den fein säuberlich einsortierten Magazinen über Dänemark und Kopenhagen, die mir meine lieben Zeitungskollegen bei der Abschiedsfeier im Verlag geschenkt hatten. Ich blätterte die Zeitschrift über Kopenhagen durch und blieb an einem Bericht über einen „modernen Stadtstrand“ in Kopenhagen hängen, dem Amager Strandpark. Dieser Strand in Kopenhagen schien mir ein passendes Ausflugsziel für einen unendlich lang erscheinenden Tag zu sein.

DAS war es.
Ich würde einen neuen Ort für mich erobern und damit meine neue Heimat ein Stück erweitern. Kurzerhand verabredete ich mich mit meiner bislang einzigen Bekannten für einen langen Spaziergang am Amager Strandpark. Da meine Bekannte auch erst einige Monate in Kopenhagen lebte, war sie – wie ich – dankbar für jede Abwechslung. Und – ebenfalls wie ich – ein bisschen stolz  auf jede eigene Verabredung, die nichts mit unseren jeweiligen dänischen Partnern oder deren Freundeskreis zu tun hatte. Strohwitwe weiterlesen

Heimweh und Hindernisse

Drei Wochen nach meinem Umzug nach Kopenhagen trat schließlich ein, wovor ich mich gefürchtet hatte:

Ich bekam Heimweh!

Es fühlte sich allerdings ganz anders an, als ich mir vorgestellt hatte. Ich verspürte keinen Drang, nach Deutschland zurückzukehren. Las ich jedoch eine E-Mail von meinem Vater oder Bruder, brach ich hinterher in Tränen aus. Es dauerte danach jedes Mal eine ganze Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Mein Däne stand meinen plötzlichen Ausbrüchen ein wenig hilflos gegenüber.

In meinem neuen Alltag hatte ich weiterhin das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Ständig gingen Kleinigkeiten schief. Überall gab es kleine Hindernisse zu bewältigen. Ich war neu in Dänemark und musste vieles neu erlernen. Dinge, die ich in Deutschland ganz selbstverständlich und ohne großes Nachdenken bewältigt hatte.  Heimweh und Hindernisse weiterlesen

Eine unerwartete Begegnung

Die letzten Kilometer bis zum Meer ging es nur bergab. So dauerte es nur wenige Minuten, bis ich in Klampenborg  an der Küste ankam.

Es war ein düsterer, trüber Tag. Zwischendrin nieselte es immer wieder leicht. Die Wolken hingen tief. Am Horizont schienen sie ins Wasser einzutauchen. Es war jedoch fast windstill, so dass man es gut an der Küste aushalten konnte. Die Luft war feucht und schwer. Es war so diesig, dass man am Horizont Schweden nur erahnen konnte.

Ich atmete tief ein und sog die frische, salzige Luft in meine Lungen. Der Anblick des Meers war wie immer wunderbar! Trotz trübem Wetter und verhangenem Himmel: Ich fand das Meer immer faszinierend! Und beruhigend.

Billed 141

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Mobil im neuen Lande

Hatte ich mir etwas in den Kopf gesetzt, musste die Umsetzung jetzt und sofort erfolgen. Diese Eigenschaft lernte mein Däne gleich am Projekt „Fahrrad“ kennen. Von meiner Bedarfsanmeldung bis zum Kauf des begehrten Objektes vergingen weniger als 24 Stunden.

Wir gingen ins Internet und sahen die Anzeigen bei „Den Blå Avis“ durch („die blaue Zeitung“), die dänische „Sperrmüll-Zeitung“. Schnell wurden wir auch fündig. Einige Vororte weiter wurde ein günstiges, gebrauchtes Damenfahrrad zum Verkauf angeboten. Mein Freund rief für mich dort an und vereinbarte die Abholung am nächsten Tag.

Eine Schönheit war das Fahrrad nicht. Aber es erfüllte seinen Zweck, hatte zwei Körbchen und der Preis war in Ordnung (umgerechnet 70 Euro). Und schon war ich stolze Besitzerin eines dänischen Fahrrads.

Billed 138

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