Strohwitwe

Inmitten meiner ersten ernsthaften Heimweh-Phase musste ich ein erstes Wochenende als Strohwitwe überstehen. Mein Däne hatte mit seinen Freunden eine längere Angeltour geplant. Mit Übernachtung. Die Tage vor dem Wochenende war ich nervös. Ich hatte ohnehin schon Heimweh und fühlte mich entwurzelt. Nun würde ich zwangsläufig zwei Tage alleine an einem Ort verbringen müssen, der erst allmählich auf dem Weg war, sich zu meinem Zuhause zu entwickeln.

„Mary allein zuhaus“!

Ich überlegte fieberhaft, was ich mir für das Wochenende vornehmen konnte, damit mir in der Wohnung nicht 48 Stunden lang die Decke auf den Kopf fiel und ich womöglich panische Abreiseentscheidungen traf. Mein Blick fiel auf das Regal mit den fein säuberlich einsortierten Magazinen über Dänemark und Kopenhagen, die mir meine lieben Zeitungskollegen bei der Abschiedsfeier im Verlag geschenkt hatten. Ich blätterte die Zeitschrift über Kopenhagen durch und blieb an einem Bericht über einen „modernen Stadtstrand“ in Kopenhagen hängen, dem Amager Strandpark. Dieser Strand in Kopenhagen schien mir ein passendes Ausflugsziel für einen unendlich lang erscheinenden Tag zu sein.

DAS war es.
Ich würde einen neuen Ort für mich erobern und damit meine neue Heimat ein Stück erweitern. Kurzerhand verabredete ich mich mit meiner bislang einzigen Bekannten für einen langen Spaziergang am Amager Strandpark. Da meine Bekannte auch erst einige Monate in Kopenhagen lebte, war sie – wie ich – dankbar für jede Abwechslung. Und – ebenfalls wie ich – ein bisschen stolz  auf jede eigene Verabredung, die nichts mit unseren jeweiligen dänischen Partnern oder deren Freundeskreis zu tun hatte.

Wir trafen uns also spontan am zentral gelegenen Nørreport in Kopenhagen und nahmen von dort aus die moderne, fahrerlose und vollautomatische Metro, die direkt zum Amager Strandpark fuhr.

Der Amager Strandpark ist ein von Stadtplanern entwickeltes Erholungsgebiet auf der Insel Amager, auf der auch der Kopenhagener Flughafen liegt.

Der schicke Strandpark wurde 2005 fertiggestellt und stellt den nächstgelegenen Strand vom Zentrum Kopenhagens aus dar. Eine vorgelagerte künstliche Insel sorgt für insgesamt 4,6 Kilometer Sandstrand sowie für eine ruhige Badelagune. Der Strandpark ist damit der größte Strand in Kopenhagen.

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Quelle: http://www.lg24.dk

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Quelle: http://www.amager-strand.dk
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Quelle: http://www.vwnettet.dk

Wir spazierten durch die Dünenlandschaft und über die Promenade des Parks. Das Meer hatte wie immer eine beruhigende und bestärkende Wirkung auf mich! Es war herrlich, so nah am Meer zu leben und  einfach so, ganz spontan, ein paar Stunden am Strand verbringen zu können. Hier draußen am Meer, in der frischen Seeluft, kehrte meine Begeisterung für die neue Heimat langsam wieder zurück.

Nach einem langen Ausflug und mit vielen tollen Eindrücken im Gepäck fuhr ich mit der S-Bahnd wieder beschwingt zurück nach Lyngby. Noch das ganze restliche Wochenende zehrte ich von diesem guten Gefühl, meine Grenzen ein Stück weit verschoben zu haben. Ich machte es mir in unserer neuen Wohnung gemütlich und genoss die Zeit. Natürlich fühlte ich mich immer noch etwas mulmig und haltlos, alleine eben, und die Nacht war somit etwas unruhig.

Wie so oft in den vergangenen Monaten stellte ich jedoch erfreut fest, dass die Angst vor einer Herausforderung viel größer und irrationaler ist als das reelle Gefühl, wenn die herausfordernde Situation schließlich eintritt.

Nach den ersten 24 Stunden ganz alleine in Dänemark fühlte ich mich schon viel stärker als zuvor. Mein Leben erschien mir plötzlich bunt und aufregend. Wie spannend es war, einmal überhaupt nicht zu wissen, welche Erfahrungen in den nächsten Monaten auf mich warteten, welchen Job ich irgendwann finden und welche Menschen meinen Weg kreuzen würden.

Meine Zukunft war wie ein weißes Blatt Papier, bereit für viele neue Geschichten. Ich würde ab sofort bei der Auswahl der „Geschichten“ sehr darauf achten, mir selbst treu zu bleiben. Ich war dem gefühlten Leistungsdruck in meiner alten Heimat entkommen und fühlte mich unglaublich befreit. Entwurzelt, desorientiert, haltlos – aber frei.

Nun lag es an mir, mein neues Leben, das weiße Papier, so zu füllen, dass es besser zu mir und zu meiner Persönlichkeit passte.

Beginnen würde ich mit der anstehenden Geschichte zu meinem Dänisch-Unterricht…
Denn nach dem Strohwitwen-Wochenende startete eine neue Klasse der Sprachschule in Hellerup das zweite Dänisch-Modul. Dieser Klasse sollte ich mich – wie mit der Schule nach meinem Sprachtest vereinbart – direkt anschließen.

Ich freute mich mittlerweile sehr darauf, endlich loszulegen – mit der offiziellen Integration in meine neue Heimat!

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