Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los, Teil I

Johann Wolfgang v. Goethe, „Der Zauberlehrling“

Einmal in Worte gefasst, waren die Gedanken über eine mögliche Auswanderung nicht mehr zu bremsen. Sollte ich wirklich mein bisheriges Leben komplett umkrempeln und den Sprung ins kalte Wasser wagen?

Die Gedanken folgten mir auf Schritt und Tritt. Kleine Geister, die ich gerufen hatte, und die nicht nun nicht mehr los wurde.

In der ersten Zeit nach dem Gespräch über eine mögliche gemeinsame Zukunft dachte ich nicht bewusst über die Frage einer Auswanderung nach. Eine Antwort hatte ich sowieso nicht. Dazu war das Thema zu groß und die Konsequenzen, die diese Entscheidung mit sich führte, zu weitreichend. Ich lebte weiter wie bisher und wartete darauf, dass sich allmählich irgendein Gefühl einstellte, das mir den richtigen Weg zeigen würde.

An manchen Tagen schob ich das Thema ganz bewusst von mir. Die Geister arbeiteten jedoch dennoch weiter.

Meine noch vor einem halben Jahr so ausgeprägte Lethargie war verschwunden, die Müdigkeit wie weggeblasen. Morgens vor der Arbeit lernte ich Vokabeln. Lektion für Lektion kam ich voran. Ich stellte sämtliche Mails und SMS nun auf dänisch um. Der mit eiserner Disziplin errungene Wortschatz war hierfür schon ganz passabel einzusetzen. Mein Däne war überrascht. Bei einem seiner ersten Besuche in Deutschland las ich ihm einen dänischen Text vor, und er war begeistert. Das machte mich so stolz, dass ich mir für meinen Geburtstag Mitte Mai mein erstes dänisches Buch wünschte.

Dies bekam ich auch! Da sich mein Freund jedoch bei der Auswahl des Geschenks in einer Buchhaltung beraten ließ und dabei die Verkäuferin wissen ließ, dass ich erst seit 3 Monaten dänisch lerne und dann auch noch auf eigene Faust, empfahl sie ihm ein Kinderbuch. Für 12-Jährige.

Nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, ging ich selbst in eine Buchhandlung und kaufte mir einen ordentlichen Roman: „Isprinsessen“ von Camilla Läckberg („Die Eisprinzessin“). Das Lesetempo war zu Beginn äußerst unbefriedigend, und kurzzeitig zog sich sogar das Jugendbuch wieder in Betracht. Dann biss ich mich jedoch durch, und es gelang mit jedem Tag ein Stück besser.

Ich mag Sprachen sehr. Das Dänische fiel mir daher von Anfang an sehr leicht. Dänisch war für mich zu einem netten, entspannenden Hobby geworden.

Abends begann ich, im Internet zu surfen und mich – über die rosarote Brille hinaus – über Dänemark näher zu informieren. Ich wurde regelmäßige Besucherin eines Forums für Deutschland-Dänemark-Freunde (www.dk-forum.de). Auf diese Weise erhielt ich viele wertvolle Informationen rund ums Auswandern in dieses kleine Land.

Dänemark hatte zu diesem Zeitpunkt volkswirtschaftlich bewertet eine Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote lag bei nur cirka 3 %, dem im Regelfall niedrigsten möglichen Prozentsatz. Wer arbeiten wollte, fand einen Job. Und das galt auch für Ausländer. Jede Branche suchte händeringend nach Personal. In den meisten Fällen wurde nicht mal dänisch vorausgesetzt. Englisch tat es auch. Ich surfte ein wenig in dänischen Jobangeboten und fand heraus, dass die Arbeitgeber potentielle Interessenten aller Ebenen umworben, mit lockenden Zusatzvorteilen rund um den Job (private Renteneinzahlungen, Zusatzkrankenversicherungen, Fitness-Studio, Kantine, gratis Obst am Arbeitsplatz, Rabattvorteile usw.) Die Stellenbeschreibungen waren im Gegensatz zu den mir bekannten deutschen Jobannoncen äußerst positiv formuliert und lösten Lust und Motivation auf eine Bewerbung aus. Potentielle Kandidaten wurden nahezu gebeten, sich schnellstmöglich zu melden. Das fand ich sehr spannend und aufschlussreich über die Wertigkeit der Arbeitskraft in Dänemark.

Auf der Homepage des Arbeitsamtes gab es auch eine Kategorie „Hotjob“, wo der Arbeitsbeginn so schnell als möglich geplant war, am liebsten gestern. Diese Arbeitgeber waren besonders verzweifelt auf ihrer Suche nach einer passenden Arbeitskraft. Oftmals wurden gleich mehrere Mitarbeiter gleichzeitig gesucht.

Nun verstand ich auch diese bewundernswerte Selbstsicherheit der Dänen in Bezug auf ihre Jobs. Viele Dänen wechselten pro Jahr einmal den Job, stets auf der Suche nach noch besseren Arbeitskonditionen. Erzählte ich einem Dänen, dass mein Job mich gerade etwas frustriert, und das schon länger, wurde ich ungläubig angeschaut und gefragt, warum ich mir nicht schon längst etwas anderes gesucht habe. Wenn ich berichtete, dass ich schon seit 12 Jahren beim gleichen Betrieb war, erhielt ich den überraschten Kommentar „Ist das nicht sehr langweilig, immer in derselben Firma zu arbeiten?“.

Dänemark hat keinen Kündigungsschutz. Hire and Fire lautet die Devise. In guten Zeiten stellten die Firmen massenweise Personal ein, in schlechteren Zeiten entledigten sie sich dem unnötigen Personal und kamen so schneller wieder auf einen grünen Zweig. Wenig später stellten sie oftmals auf gesunderen Beinen wieder neue Mitarbeiter ein. Ein ganz anderes Konzept im Vergleich zu Deutschland mit dem sehr trägen Einstellungs- und Verabschiedungswesen.

Ich surfte durch die Anzeigen und versuchte mir vorzustellen, wie man sich als Kindererzieherin, als Postbotin oder an der Supermarktkasse in einem fremden Land fühlen konnte. Einen Bürojob konnte ich mir nicht vorstellen. Und keinerlei Verantwortung, egal in welcher Form. Falls ich wirklich auswandern würde, würde ich mir im gleichen Zusammenhang eine „mentale Auszeit“ gönnen und hierbei sämtlichen Leistungsdruck für einige Zeit vollständig ablehnen.

-> Fortsetzung folgt in Teil II

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2 Kommentare zu “Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los, Teil I”

  1. Zufällig bin ich durch einen Artikel im Mannheimer Morgen auf dich und deinen Blog gekommen. Ich selbst bin 2009 allein mit meinen drei Kindern der Liebe wegen umgezogen – allerdings nur von Koblenz an die Bergstraße. Auch ich hätte immer gern mal im Ausland gewohnt. Ist immerhin ein anderes Bundesland geworden 😉
    Alle Hochachtung für deinen Mut und toll, dass du darüber schreibst! Ich wünsche dir und deinen Lieben weiter alles Gute und freue mich auf weitere Berichte.
    Mit lieben Grüßen aus Weinheim, Anne

    1. Liebe Anne,
      lieben Dank für Deine netten Gruesse und Worte.
      Oh, in Weinheim habe ich auch mal 3 Jahre gelebt, in der Neckarstr. an der alten B3.
      Das waren auch spannende Zeiten.
      Umziehen ist immer ein Sprung ins kalte Wasser, ob anderes Bundesland oder Ausland. Man beginnt eben woanders ganz neu.
      Das war in Weinheim für mich damals ebenso der Fall…
      Gruesse mir die alte Heimat und alles Gute auch für Dich
      Mary

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