Schulanfang in der dänischen Sprachschule

Gestärkt von meinem ersten Wochenende, das ich alleine in Dänemark verbracht hatte, machte ich mich am Dienstag Morgen auf den Weg zur Bushaltestelle. Wenige Minuten später kam auch schon Bus 184, der mich nach Hellerup bringen sollte. Ich war aufgeregt und hatte ein mulmiges Gefühl im Magen.

Heute war mein erster Schultag!

In einer halben Stunde würde ich im Sprogcenter Hellerup auf meine neuen Klassenkameraden treffen, die sich schon seit einigen Wochen mit der dänischen Sprache abkämpften. Die Klasse hatte nach sechs Wochen Unterreicht nun das 1. Sprachmodul abgeschlossen. Diejenigen, die die Prüfung bestanden hatten, würden heute – gemeinsam mit mir – das 2. Modul beginnen.

Ich war aufgeregt, wie ein kleines Kind vor seinem ersten Schultag. Dass ich bereits 13 Jahre die Schulbank gedrückt und danach über ein Jahrzehnt erfolgreich im Arbeitsleben gestanden hatte, schien für mein Nervenkostüm wenig relevant zu sein.

Der heutige Tag war für mich jedoch auch ein neuer Meilenstein! Heute trat ich den ersten „richtigen“, ernsthaften Schritt auf meine neue Heimat zu, auf mein Leben in Dänemark.

Denn die ersten drei Wochen, die mittlerweile nach meinem Umzug ins Land gegangen waren, hatte ich ganz in meiner eigenen, selbst geschaffenen Welt gelebt. Physisch betrachtet lebte ich schon einige Tage in Lyngby. Mental war ich jedoch größtenteils in Deutschland.

Die ersten Eindrücke des Landes hatten zwar in meinem Leben Einzug gehalten. Demgegenüber wusste ich mich aber meist gut abzugrenzen. Sobald ich unsere gemütliche Wohnung, mein neues kleines Reich, betrat und die Tür hinter mir schloss, atmete ich auf. Hier konnte ich einfach wieder Deutsche sein. In meiner deutschen Welt. Ich arbeitete auf deutsch mit meiner deutschen Kollegin für meinen wohlbekannten, deutschen Arbeitgeber. Ich schrieb deutsche Mails an meine deutschen Bekannten und Verwandten. Ich nahm den Hörer in die Hand und telefonierte mit meinen deutschen Freunden. Ich verabredete mich zu Skypegesprächen, schaltete das Video an und sah meine deutsche Familie. Ich traf mich in Kopenhagen, mit einer anderen deutschen Auswanderin. Und sprach wieder deutsch.

Der einzige Bezug zu Dänemark stellte mein Däne dar, der stark in der Unterzahl war! Wir sprachen wie zu Beginn unserer Beziehung weiterhin englisch, so dass es auch an dieser Stelle erst mal zu keinen weiteren Integrationsfortschritten kommen konnte.

Nur kurze Zeit pro Tag wagte ich mich aus meinem deutschen Schneckenhaus in die Fremde hinaus. Kam ich dann von meinem Ausflug zurück, von neuen Eindrücken überflutet und mit dem ein oder anderen Hindernis im Gepäck, atmete ich erleichtert auf. Ich öffnete die Tür zu unserer Wohnung und war froh, die anstrengende, dänische Welt wieder abstreifen zu können. In meiner eigenen, geschützten Welt fühlte ich mich am wohlsten. In den drei Wochen, die ich mittlerweile im Ausland lebte, hatte ich mir offenbar schon eine kleine Komfortzone aufgebaut.

Doch diese war durch und durch deutsch!

Dies wurde mir auf dem Weg in den schicken Kopenhagener Vorort plötzlich klar. Natürlich war es gut, dass ich mir so schnell einen Rückzugsort hatte aufbauen können. Hier konnte ich mich wohlfühlen, Kraft und Mut für weitere Schritte tanken.

Nun war es aber an der Zeit, mein Schneckenhaus zu verlassen! Ich musste auch mental einen Schritt auf meine neue Heimat zugehen, mich Dänemark und den Dänen nach und nach öffnen.

Einerseits freute ich mich auf diese anstehende Veränderung. Schließlich hatte ich die Auswanderung gewollt und geplant. Gleichzeitig wehrte sich etwas in mir gegen die bevorstehende Phase.

Ein Schritt auf eine neue Heimat zuzugehen bedeutete auch, sich einen Schritt von der alten Heimat zu entfernen…

Nach etwas mehr als 10 Minuten Fahrt auf der vielbefahrenen, vierspurigen Straße „Lyngbyvej“ nach Kopenhagen, hielt der Bus schließlich an der Haltestelle „Tuborgvej“ an. Ich versuchte, meine ambivalenten Gedanken abzustreifen und stieg aus dem Bus. Hinter mir hielt ein weiterer Bus, 150 S, ein Schnellbus. Die Bushaltestelle füllte sich mit Menschen. Die meisten hatten wie ich einen Rucksack auf dem Rücken, manche hatten Ordner in der Hand.

Gemeinsam schlugen wir den Weg zum „Sprogcenter“ ein. Interessiert blickte ich mich um. Einige dunkelhäutige Gesichter in der Menge und der ein oder andere mit asiatischen Züge verrieten mir, dass es sich bei den anderen ebenfalls um Ausländer handelte. Es gab ganz viele wie mich!

Ich fühlte mich schlagartig nicht mehr allein. Zusammen mit all den anderen Einwanderern war ich auf dem Weg in die Sprachschule, um die dänische Sprache zu erobern.
Und danach das ganze Land!

Ich war gespannt auf die erste Schulstunde in der dänischen Sprachschule.

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