Heimweh und Hindernisse

Drei Wochen nach meinem Umzug nach Kopenhagen trat schließlich ein, wovor ich mich gefürchtet hatte:

Ich bekam Heimweh!

Es fühlte sich allerdings ganz anders an, als ich mir vorgestellt hatte. Ich verspürte keinen Drang, nach Deutschland zurückzukehren. Las ich jedoch eine E-Mail von meinem Vater oder Bruder, brach ich hinterher in Tränen aus. Es dauerte danach jedes Mal eine ganze Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Mein Däne stand meinen plötzlichen Ausbrüchen ein wenig hilflos gegenüber.

In meinem neuen Alltag hatte ich weiterhin das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Ständig gingen Kleinigkeiten schief. Überall gab es kleine Hindernisse zu bewältigen. Ich war neu in Dänemark und musste vieles neu erlernen. Dinge, die ich in Deutschland ganz selbstverständlich und ohne großes Nachdenken bewältigt hatte. 

Bei jedem Einkauf stand mindestens ein Produkt auf der Einkaufsliste, das ich einfach nicht finden konnte. Oft stand ich ratlos vor einem Regal, besah mir die verschiedenen Produkte und grübelte darüber, welches ich kaufen sollte. Die Umrechnung von Euro auf Dänische Kronen mit dem Faktor 7,45 machte den Einkauf nicht gerade einfacher. Minutenlang sah ich auf Preise, versuchte geduldig durch 7 zu teilen, danach durch 8 und dann den Mittelwert der beiden Ergebnisse zu bilden. Schließlich wollte ich ja herausfinden, welches Produkt günstig war und welches nicht. Letztendlich war ohnehin alles unglaublich teuer im Vergleich zu den mir bekannten deutschen Preisen.

Manchmal musste ich in mehrere Geschäfte gehen, bis ich endlich ein bestimmtes Produkt auf der Liste finden konnte. Oft kam ich auch unverrichteter Dinge wieder nach Hause und musste meinen Dänen fragen. Ich war ganz einfach fürchterlich ineffektiv und das irritierte mich massiv.

„Learning by doing“ sowie „Trial-and-Error“ waren angesagt.

Eines Tages wollte ich Tesa Power-Strips kaufen. Während ich in Deutschland zielsicher das richtige Geschäft angesteuert hätte und diese kleine Erledigung nebenbei getätigt hätte, wurden die Tesa-Power-Strips in Dänemark zu einem mehrtägigen, zeitraubenden Projekt. Ich probierte verschiedene Geschäfte, ohne Erfolg. Schließlich entdeckte ich ein günstiges Alternativprodukt, dessen Qualität ich jedoch anzweifelte. Ich beschloss, vor dem Kauf dieses merkwürdigen Produkts noch einen letzten Laden zu probieren und fand dort tatsächlich meine heißersehnten Tesa Power-Strips. Nach einem kurzen Blick auf den Preis drehte ich mich auf dem Absatz um, ging zurück in den anderen Laden und kaufte das No-Name-Produkt.

Simple Tesa Power-Strips konnten unmöglich so teuer sein! Ohne den deutschen Preis mit Sicherheit im Kopf zu haben, war der dänische einfach reiner Wucher. Sicherlich taugte auch die Tesa-Alternative etwas. Ich ging nach Hause mit dem Gefühl, viel Zeit verschwendet zu haben.

Zuhause packte ich meine Errungenschaft aus. Mein Däne zog die Augenbrauen hoch.
„Let´s see, if it works“, murmelte er. Gemeinsam versuchten wir, mit der klebrigen Masse einen vierfachen Handtuchhaken an einem schicken IKEA Küchenschrank anzubringen.  Nach getaner Arbeit hängten wir ein Küchenhandtuch auf. Bereits 10 Minuten später ertönte ein Scheppern aus der Küche.  Handtuchhaken und Handtuch lagen auf dem Boden.

Schon wieder ein Fehlkauf! Frustriert machte ich mich am Tag darauf wieder auf den Weg und kaufte die völlig überteuerten Tesa Power-Strips. Wenigstens kannte ich jetzt den richtigen Laden.

Viele alltägliche Situationen waren ungewohnt für mich und entlarvten mich als „frisch Eingewanderte“. Dänemark ist das Land der Fahrradfahrer. In Kopenhagen und Umland gibt es fast auf jeder Straße extra Fahrradwege in beide Richtungen. Bei jeder Kreuzung haben auch Fahrradfahrer ihre eigenen Wege und Fahrradampeln. Die Fahrradfahrer haben somit ein ganz anderes Standing im Verkehr, als ich das von der Region Bergstraße in Deutschland gewohnt war. Vor allem hatten die Fahrradfahrer aufgrund eigener Wege ein Wahnsinnstempo drauf! Mehr als einmal wurde ich daher beim Überqueren von Straßen und beim Aussteigen aus einem Bus von einem der rasenden Fahrradfahrer fast „umgemäht“!

Auf Rolltreppen in den S-Bahn-Stationen galt die mir unbekannte Regel „rechts stehen, links gehen“. Ich wunderte mich über die unfreundlichen Blicke der gestressten Großstadt-Einwohner, bis ich feststellte, dass ich mal wieder in Gedanken verloren links stand. und den Weg versperrte.

Ich konnte meinen Status „Ausländerin“ nicht verbergen.

Im Supermarkt stand ich an der Kasse und wartete geduldig auf mein Wechselgeld. Der Einkauf kostete z.B. 59,90 Kronen.  Ich hatte 60 Kronen gegeben. Das Display zeigte mir 10 Öre Rückgabegeld an. Erst als die Kassiererin mich stirnrunzelnd ansah und begann, den nächsten Kunden abzufertigen, erinnerte ich mich daran, dass die kleinste dänische Münze 25 Öre darstellte. Kleinere Beträge konnten daher nicht zurückgegeben werden. Etwaige Differenzen wurden zwar auf dem Kassendisplay angezeigt, jedoch ohne weitere Bedeutung. Ausgenommen natürlich für mich als genauigkeitsliebende Deutsche. Nur Neulinge im Land entlarven sich durch das geduldige Warten an der Kasse, bis ihnen aufgeht, dass der Kauf längst beendet ist und nichts mehr passiert.

Auf diese Weise hangelte ich mich durch das Leben als Ausgewanderte. Wie ein kleines Kind eignete ich mir mühsam und nach und nach die dänischen Lebensmodalitäten an.

Ich fand das Leben im Ausland anstrengender als gedacht. Wer hätte gedacht, dass es so viele kleine aber feine Unterschiede zwischen meiner alten und neuen Heimat gab? Kein Tag verging ohne einen Fehlkauf, einen zusätzlichen Weg oder ein unerwartetes Hindernis.  Dies kostete mich viel Zeit, Nerven und Energie. Ich ließ mich jedoch nicht unterkriegen.

In dieser chaotischen Zeit wurde ich mir gleichzeitig immer sicherer, den richtigen Mann gewählt zu haben. Trotz der ersten Unstimmigkeiten aufgrund des stressigen Alltags und der ungewöhnlichen Situation wurde meine Liebe stärker. Ich konnte mir tatsächlich vorstellen, mit meinem Dänen auf Dauer zusammen zu sein. Wie er allerdings bislang unsere Generalprobe für ein gemeinsames Leben bewertete, wusste ich nicht.

Ich fühlte mich ohnehin oft unsicher mit der neuen Situation. Meine Selbständigkeit in Deutschland hatte ich gegen eine gewisse Abhängigkeit hier in Dänemark eingetauscht. Mein Däne konnte sein Leben weitgehend wie bisher weiterleben – mit dem kleinen Unterschied, dass ich nun bei ihm wohnte. Ich selbst war entwurzelt, orientierungslos und in vielen Dingen zumindest vorübergehend abhängig von ihm.

Wir hatten aufgrund der äußeren Umstände immer noch zuwenig Zeit füreinander und waren entsprechend gereizt. Meine Auswanderung und die vielen kleinen Hindernisse im neuen Alltag führten zu einem Ungleichgewicht in unserer Beziehung. Dies machte mir Sorgen, da aus meiner Sicht ein längerfristiges Ungleichgewicht oft zu Beziehungsproblemen führt.

Was würde ich tun, wenn die Beziehung zerbrach?
Wo würde ich leben?
Trotz der schwierigen Umstände im neuen Land gefiel es mir in Kopenhagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, sofort wieder nach Deutschland zurückzugehen. Schließlich war ich nicht nur wegen der Liebe ausgewandert, sondern hatte mir mit der Auswanderung einen Traum erfüllt.

Ich bemühte mich natürlich, gelassen zu bleiben. Es bestand keinerlei Grund, schwarz zu sehen. Als äußerst sicherheitsliebender Mensch konnte ich derartige Gedanken an einen Plan B jedoch nicht verhindern. Schließlich war meine Zukunft ein großes Fragezeichen. Es würde sich erst noch herausstellen, was kam.

Bis dahin musste ich versuchen, jeden Tag auf mich zukommen zu lassen, das Fragezeichen mit Gelassenheit zu nehmen. Keine einfache Aufgabe für jemanden, der das Leben gerne im Voraus plante und dabei jedes Detail bedachte…

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7 Kommentare zu “Heimweh und Hindernisse”

  1. Ja, die ersten Schritte in einem anderen Land, einer anderen Kultur sind immer schwer…
    Mein Mann war von seiner Uni für mehrere Jahre nach Südfrankreich geschickt worden und ich ging mit ihm, aber während er ja den ganzen Tag weg war und im Institut viele Nationen arbeiteten, was die Situation für ihn erträglich machte, war ich allein und fast ohne Sprachkenntnisse. Da ging es mir dann wie dir.

    Ein ganzes Jahr dachte ich jeden Abend „morgen kaufe ich mir eine Fahrkarte und fahre nach Deutschland zurück“.
    Doch dann… irgendwann ging es auf einmal, ich hatte mich eingewöhnt, bin umgangssprachlich zurecht gekommen und zwei meiner Kinder wurden dort geboren. Das dritte später in Deutschland und da habe ich mich direkt nach dem französischen Krankenhaus zurückgesehnt. Dort kannte ich die Ärzte, die Schwestern, hatte ein Einzelzimmer und – vor allem – man wurde nicht um 4 Uhr früh zum Waschen wach gemacht 😉

    Einerseits war ich froh, als deutsche Familie wieder in Deutschland zu sein, meine Kinder hier aufzuziehen, andererseits ist ein Stück von mir in Frankreich geblieben und lange Zeit habe ich mich wie zwischen zwei Stühlen gefühlt.
    Aber das ist jetzt über 30 Jahre her und die Zeit hat das egalisiert. Trotzdem wünschte ich, alle Menschen würden mal einige Jahre im Ausland leben, es verändert die Sicht auf viele Dinge enorm und viele Probleme würden sich in Luft auflösen.

    In diesem Sinne werde ich eine treue Leserin bleiben und bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge. DANKE!

    1. Liebe Sigrid, vielen Dank für Deinen sehr interessanten Kommentar. Ich will schon seit Ewigkeiten antworten, da ich Deine Sicht und Erfahrung sehr spannend fand! Heute endlich ein paar Zeilen.
      Also hast Du ein ganzes Jahr in Frankreich die Zähne zusammengebissen und bist dann doch heimisch geworden. Ja, es dauert seine Zeit und manchmal möchte man gerne nach Hause in die Komfortzone zurücklaufen. Das habe ich sogar heute noch manchmal. Aber selten 😉
      Man baut sich ja sein neues Zuhause auch wieder in der Fremde auf.

      Du beschreibst das sehr gut, dass wir Ausgewanderten für immer und ewig zwischen zwei Stühlen sitzen. Man hat sich anders entwickelt als die Menschen aus der alten Heimat, aber man bringt auch anderes Kulturgut im Vergleich zu den Menschen aus der neuen Heimat.

      Man gehört weder richtig hierhin noch dorthin. Man wird ein Exot. Ich bin allerdings sehr gerne Exot.

      Und es ist auch richtig – es wäre für jeden gut, mal eine Zeit lang ganz woanders gelebt zu haben.

      Ich schätze Deutschland mit all seinen Vorzügen nun viel mehr. Deutschland liegt in vielen Dingen (Gesundheitssystem, Sicherheitsnetz usw.) auf einem sehr hohen Niveau.
      Aber wohnt man dort schon für immer, betrachtet man dies als Selbstverständlichkeit und weiß gar nicht, wie gut man in D. leben kann.

      Gleichzeitig schätze ich jedoch auch Dänemark sehr und kann mir nun auch nicht mehr vorstellen, dort nicht mehr zu leben.

      Jedenfalls freue ich mich, Dich als treue Leserin auf meinem Blog zu haben.

      Viele Grüße aus DK
      Mary

  2. Ja, wir Deutsche jammern auf einem sehr hohen Niveau und erkennen das erst, wenn wir einige Jahre in der Fremde waren.

    Meine Tochter hat knapp sieben Jahre in Irland und ein Vierteljahr in Indien gearbeitet, seitdem sieht auch sie die vielen Vorzüge hier. Vorher war ihr das eher nicht so bewusst.

    Viele Grüße aus Südostbayern!

  3. Nach etwas Abstinenz bin ich heute mal wieder bei dir vorbei gehuscht, liebe Mary, und habe mich über den tollen Beitrag gefreut. Sehr anschaulich geschrieben, man konnte richtig mitfühlen – und mehr als einmal schoss mir durch den Kopf „Wäre mir auch so gegangen.“
    Als Planungsmensch sich selber plötzlich ineffizient finden ist ein Graus, den andere Typen von Menschen (die spontanen, etc.) bestimmt nur schwer nachempfinden können – wie gesagt, ich saß nickend vor dem PC 😉
    Liebe Grüße
    gretchen*

    1. Hallo gretchen, schön, dass Du mal wieder vorbei geschaut hast. Und schön, dass Du mich verstehst 🙂
      Aus heutiger Sicht finde ich das natürlich alles nicht mehr so dramatisch – aber durch die Auswanderung bin ich von einem 100% Planungsmenschen, der ständig über alles die Kontrolle haben musste, zu einem deutlich flexibleren Menschen geworden. Naja, sagen wir mal noch 60 % Planungsmensch 🙂 Immerhin!
      War eine riesige Veränderung für mich, dorthin zu kommen.

      Wenn ich die Hvide-Sande-Serie fertig habe, gehts weiter mit der Auswanderungs-Story, versprochen.
      Habe schon einen Entwurf angefangen.

      LG
      Mary

  4. Liebe Mary,

    ich bin vor kurzem nach Helsinki ausgewandert und fand deinen Blog und exakt diesen Heimweh-Artikel, als mich das Gefühl des Verlorenseins überkam.
    Während ich heulte wie ein Schlosshund, musste ich gleichzeitig lachen, denn ich hatte exakt die gleichen Gefühle wie du. Ich wollte (und will auch immer noch nicht) nach Deutschland zurück, aber jede Nachricht, jedes Bild von Zuhause – ich verwandele mich in ein Häufchen Elend und kann mich kaum beruhigen 🙂 Und man glaubt gar nicht, wie VIELE Unterschiede es gibt, obwohl man immer noch in Europa ist.

    Danke für diesen Beitrag! Ich habe dadurch gemerkt: Ich bin mit diesen Gefühlen nicht alleine und sie scheinen normal zu sein 🙂

    Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung deines Buches!

    1. Hallo,
      lieben Dank für Deine Zeilen. Ja, das Heimweh, das ist etwas merkwürdiges…. ich erinnere mich noch gut. Es war sehr heftig, wenn es mich überkam, und hat dann aber Gott sei Dank irgendwann nachgelassen.
      Nach Hause wollte ich bis heute nie zurück, dazu lebe ich einfach hier oben zu gut. Das Land passt besser zu meiner Persönlichkeit als Deutschland 🙂 Aber dennoch vermisse ich natürlich meine Familie nach wie vor und wir haben weiter engen Kontakt und besuchen uns regelmäßig. Dir wünsche ich alles Gute im neuen Land…. die Unterschiede sind gravierend zwischen Deutschland und den nordischen Ländern!!! Und ja, Du bist ganz normal!!
      Alles Gute
      Mary

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