Eine unerwartete Begegnung

Die letzten Kilometer bis zum Meer ging es nur bergab. So dauerte es nur wenige Minuten, bis ich in Klampenborg  an der Küste ankam.

Es war ein düsterer, trüber Tag. Zwischendrin nieselte es immer wieder leicht. Die Wolken hingen tief. Am Horizont schienen sie ins Wasser einzutauchen. Es war jedoch fast windstill, so dass man es gut an der Küste aushalten konnte. Die Luft war feucht und schwer. Es war so diesig, dass man am Horizont Schweden nur erahnen konnte.

Ich atmete tief ein und sog die frische, salzige Luft in meine Lungen. Der Anblick des Meers war wie immer wunderbar! Trotz trübem Wetter und verhangenem Himmel: Ich fand das Meer immer faszinierend! Und beruhigend.

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Ich stellte mein Fahrrad ab und setzte mich an die Küste. Um mich herum war keine Sterbensseele zu sehen. Ich war ganz alleine am Strand. Es war ein gewöhnlicher Wochentag. Alle gingen ihrem geschäftigen Alltag nach. Nur ziellose Auswanderer wie ich kamen an einem solchen Tag mutterseelenallein an die Küste.

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Ich saß eine Weile und hing meinen Gedanken nach. Das Geräusch der Wellen beruhigte mich etwas. Nach wie vor fühlte ich mich verloren. Zwei Wochen war ich jetzt in Skandinavien. Und es ging mir nicht sonderlich gut. Ich fühlte mich fremd und unsicher. Ziellos. Und ohne Antrieb.

Plötzlich hörte ich Schritte. Eine einsame Spaziergängerin näherte sich. Hinter ihr trottete ein kleiner Hund mit feuchten Pfoten über den nassen Sand.

Als sie auf meiner Höhe war, hielt sie an und wartete auf ihren sehr beschäftigten Hund. Sie sagte ein paar Worte in meine Richtung. Ich verstand kein Wort. Sie sprach sicher dänisch. Zögernd fragte ich sie, ob sie ihre Worte möglicherweise auf englisch wiederholen könnte.

Zu meiner Erleichterung lächelte sie und nickte. Auf englisch wiederholte sie, dass sich bei diesem Wetter nicht allzuviele hier draußen an der Küste blicken ließen.

Wir tauschten ein bisschen lockeren Smalltalk aus. Schließlich fragte sie mich, wo ich herkäme und ich berichtete ihr, dass ich vor zwei Wochen aus Deutschland nach Dänemark ausgewandert war.

Die nette Frau, die ich auf Mitte 40 schätzte, setzte sich interessiert zu mir. Wir unterhielten uns darüber, wie es zu meiner Auswanderung gekommen war. Erfreut, dass ich eine nette Gesprächspartnerin gefunden hatte, erzählte ich meine Geschichte. Nach ein paar Minuten fragte sie mich, ob ich denn schon etwas dänisch könne. Wenn ich Lust hätte, könnten wir unser Gespräch auch auf dänisch fortsetzen.  Dankend lehnte ich jedoch ab. Endlich hatte ich mal jemanden zum Reden gefunden. Ich wollte das kostbare, unerwartete Gespräch mit einer Einheimischen nicht unnötig verlangsamen.

„And how do you feel in Danmark now?“, fragte sie und malte mit einem nassen Stöckchen Figuren in den Sand. Der Hund genoss die überraschende Pause und spielte Fangen mit den Wellen.

Wie es mir in Dänemark gerade geht? Ich grübelte kurz.

„I feel totally lost“, antwortete ich ehrlich „But then, it was maybe a mistake to come here.“

Sie nickte verständnisvoll.

„It´s quite normal feeling this way. You are completely out of your comfort zone.“

Es stellte sich heraus, dass sie Psychologin war. Was für ein interessanter Zufall. Sie erklärte mir, dass ich mich noch eine ganze Weile merkwürdig und „lost“ fühlen würde. Denn schließlich hatte ich meine Komfortzone vollständig hinter mir gelassen. Es würde ein ganzes Weilchen dauern, bis meine Grenzen sich verschoben und eine neue Komfortzone bildeten.

Ich solle jedoch daran denken:
Außerhalb unserer Komfortzone entwickelten wir Menschen uns am stärksten! Mein Schmerz sei ein gutes Zeichen. Meine Weiterentwicklung war bereits in vollem Gange.

Ein netter und schlüssiger Trost!

Wir plauderten noch eine Weile. Ich kannte die Fremde nicht, fühlte mich aber durch und durch verstanden. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie meinen Gemütszustand analysiert hatte, beruhigte mich.

Schließlich wurde der Hund ungeduldig. Die Fremde verabschiedete sich und wünschte mir viel Glück für mein neues Leben in Dänemark.

Ich blieb noch etwas sitzen und ließ ihre Worte nachwirken. Inspiriert von meiner unerwarteten Begegnung trat ich schließlich auch den Heimweg an. Ein Berg wartete auf mich. Nicht nur auf dem Heimweg….

Ich würde mich in diesem Lande noch so manchen Berg hochkämpfen müssen. Hatte ja eigentlich auch keiner behauptet, dass Auswandern ganz schmerzlos vonstatten ging.

Ich biss die Zähne zusammen und machte mich an den Anstieg.

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