Die neue dänische Schule…. oder „mor! mor! The best day EVER!!“ (Teil II)

Ich habe also heute morgen, 9 Uhr Ortszeit, tatsächlich die beiden kleinen Nordlichter zu ihrem „1. Schultag“ gefahren, nachdem Dänemark offiziell am 15.4. die neue Schul-Ära eingeleitet hatte.

Am Tag zuvor hatte ich ihnen – nach stundenlanger Beschäftigung und Sortierung der verschiedenen Infos von Schulleitung und Lehrern – eine kleine Karte von der Schule gezeichnet, so dass sie ihre neuen Klassenräume auch finden würden. Denn sofern möglich, sollten wir Eltern die Kinder gleich am Parkplatz am kys & kør – Streifen (Kuss und Weiterfahren) rauswerfen und sie alleine in den Schulhof gehen lassen.

Schule vor Corona war damals. Jetzt ist Schule nach Corona. Und die stellt sich als ziemlich umgekrempelt dar.

Zunächst einmal wurden die Klassen halbiert, um die neuen Quadratmetervorgaben gewährleisten zu können.

Einem normalen Klassenzimmer sind somit nur noch zwischen 12 und 14 Schülern  zugeordnet. Die Tische stehen in einem Abstand von 2 Metern. Darüber hinaus sind die neuen kleinen Klassenhälften nochmal in mehrere Spielgruppen unterteilt, die 4, maximal 5 Schüler umfassen. In den Pausen dürfen nur diese 4-5 Kinder miteinander spielen. Und sollten wir eines schönen Tages wieder einmal eine Spielverabredungen am Nachmittag planen, dürfen diese nur innerhalb dieser Gruppenaufteilungen stattfinden. Wobei sich mir bisher noch nicht ganz erschlossen hat, ob die Begrenzung für die kleine Spielgruppe oder für die neue kleine Klasse gilt. Aber alles zu seiner Zeit. Für den Anfang reicht die Ausdehnung von 0 auf 5 Stunden täglicher Kontakt zu Altersgenossen sicherlich vollkommen 🙂

Das zum Thema Klassenaufteilungen. Nun zur Hygiene. Die Kinder müssen die Hände waschen, bevor sie von zuhause losfahren, und nochmals bei Betreten des Klassenzimmers. Darüber hinaus bei jedem Toilettengang, vor jedem Snack und Pausenbrot, und nach jeder Pause. Und zu guter Letzt auch nochmal mittags vor der Entlassung in die Freiheit.

Danach geht es dann munter weiter mit meinen eigenen Hygiene-Auflagen, die sich ebenfalls an den Vorgaben der dänischen Gesundheitsbehörde orientieren: In meinem Auto liegt beim Abholen ein Desinfektionsspray und zuhause waschen wir dann auch nochmal die Hände. Verrückt! So oft haben sich die Kinder vor einem Monat wahrscheinlich nicht einmal in der gesamten Woche die Hände gewaschen.

Neue Zeiten, neue Sitten. Kein Problem. Wir sind ja anpassungsfähig.

In meinen Augen liegt der wesentlichste Teil der Änderungen aber  in der Art und Weise des Unterrichts. Die Gesundheitsbehörde gibt strikt vor, dass der Unterricht sofern nur irgendwie möglich künftig draußen abzuhalten ist. Egal, für welches Fach.

DRAUSSEN!
In Dänemark.
Einem Land, in dem ich seit zwölfeinhalb Jahren friere oder im best case fröstele. Einem Land, in dem der Wind geboren zu sein scheint.

Als ich also heute morgen meine Kinder zum Auto geleitete, fröstelte ich schon beim Gedanken an die neue Schulform. Mathematik, Dänisch und Englisch auf dem kalten Schulhof? Bei strömendem Regen und Gewitter soll der Unterricht in den Klassenräumen stattfinden. Das hoffe ich doch mal. Und an den nächsten Winter denken wir jetzt ja noch gar nicht. Bis dahin MUSS Corona völlig unter Kontrolle sein.

Jede Klasse hat also für den Outdoor-Unterricht eine Außenzone auf dem Schulgelände zugewiesen bekommen. Der Jahrgang meiner Tochter wurde sogar auf ein anderes kommunales Gelände ausgelagert, das 50-100 Meter von der Schule entfernt liegt. D.h.  bei fürs Outdoor-Lernen erträglichem Wetter spazieren die Kinder zu ihrer Außenzone und lernen dort das, was sie halt lernen sollen.

Aus einer der zahlreichen Schulinfos hatte ich Gott sei Dank die Empfehlung vernommen, den Kindern für den neuen Outdoor-Unterricht kleine Sitzkissen, Decken oder Isomatten mitzugeben. Ich kramte daher heute früh aus meinem Schuppen zwei Kniekissen für die Gartenarbeit hervor, beschriftete sie mit den Namen und Klassen der Kinder und drückte sie dem erstaunten Nachwuchs in die Hand. Sie lachten mich aus. Aber ich bestand darauf. Neben Unterhemd, dickem Pulli, Wollmütze und Handschuhen natürlich.

Murrend fügten sie sich schließlich in ihr übles Schicksal, verstanden aber ganz langsam Sinn und Zweck der mütterlichen Regeln, als wir auf dem Schulweg ein Mädchen trafen, das eine riesige Matratze hinter sich her schleifte.

Im Kopenhagener Umland zeigte das Thermometer heute früh 7 Grad. Die Sonne schien, aber gleichzeitig zeigte sich der Wind von seiner stürmischen Seite. In meinen Augen ganz bestimmt kein „für den Outdoor-Unterricht erträgliches Wetter“, aber ich befürchtete (zu Recht), die Dänen könnten dies anders sehen.

Nach getaner Auslieferung der beiden Minis in die neue dänische Schule fuhr ich also nach Hause und langweilte mich ein paar Stunden. Ich streckte versuchsweise den Kopf in meinen kleinen Garten hinaus, befand aber das dänische Wetter schnell für „nicht erträglich für eventuelle Outdoor-Gartenarbeit“ und verkroch mich wieder unter meine Decke aufs Sofa. Ich bedauerte meine beiden Outdoor-Schulkinder und grübelte ein bisschen darüber nach, ob es eigentlich wahrscheinlicher war, dass sie bei dem Wetter eine Erkältung einschleppen würden oder Corona.

Ohne in dieser Fragestellung zu einem Ergebnis gekommen zu sein, stand ich bereits 13:40 Uhr wieder auf dem Parkplatz vor der Schule. Die Schule endete um 14 Uhr, aber was sollte ich schon zuhause. 5 Stunden so ohne Kinder können ganz schön langweilig sein, nach vielen Wochen des totalen Zusammengluckens.

Ich war bereit, die Kinder zu empfangen. Sie über die neuen merkwürdigen Begebenheiten hinwegzutrösten. Ihnen noch einmal  die Notwendigkeit all dieser wunderlicher Änderungen der Schule logisch und kindgerecht zu erläutern. Die Minuten krochen dahin. Immer mehr Eltern stellten sich rund um die Schulhof-Ausgänge. Die meisten schön im 2 Meter Abstand.

Plötzlich kam mein kleiner Sohn um die Ecke. Als er mich sah, fuchtelte er wild mit seinen Armen in der Luft herum und schrie über den gesamten Parkplatz:

MOR! MOOOOOR!!!
Ich hatte den BEST DAY EVER!!!

Ein Vater neben mir brach in Lachen aus. Mein Sohn rannte begeistert auf mich zu. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus.

„Mama, die Schule war SO cool! Wir waren die ganze Zeit draußen! DAS war vielleicht ein Spaß! Und drinnen an meinem Tisch hab ich endlich SO VIEL PLATZ! Keiner nervt mich und keiner klaut Stifte aus meinem Mäppchen!“

„Das ist TOLL!“
Ich versuchte, eine ähnliche Begeisterung in meinen Tonfall zu legen. Misstrauisch beäugte ich dann seine Finger. „Hast Du Dir auch die Hände gewaschen?“

Der Mann neben mir lachte schon wieder. Mein Sohn nickte eifrig und zeigte in die andere Richtung. Von dort kam gerade meine Tochter angetrabt. Auch sie strahlte übers ganze Gesicht.

„Mama! Mein Tag war super! Der BEST DAY EVER!“

BEST DAY EVER?
Hatten sich die beiden telefonisch abgestimmt??
Heimliche Absprachen getroffen?
(Eine neue Konspirationstheorie…   🙂 )

Im Falle meiner Tochter rührte die Begeisterung hauptsächlich vom Wiedersehen mit ihren Freundinnen her. Die obligatorischen Tic Toc Tänze, die sich heutzutage fast jedes Mädchen (in Dänemark?) in unzähligen Stunden vor dem Spiegeln akribisch aneignet und in den Schulpausen vorführt, können offenbar auch gut über die 2-Meter-Tischreihen hinweg zusammen getanzt werden. Super, dann können wir wohl morgen erneut in die neue Schule gehen!

Und so gingen die Nordlichter zu ihrem Auto, lächelten aus sicherem 2-Meter-Abstand ein paar anderen Eltern und Kindern zu, sprühten sich die Hände mit Desinfektionsmittel ein und fuhren glücklich und zufrieden nach Hause. Wo sie sich nochmal eben die Hände wuschen.

 

5 Kommentare zu „Die neue dänische Schule…. oder „mor! mor! The best day EVER!!“ (Teil II)“

  1. Schön dass Dein Blog weitergeht!
    Super interessant wie Du das neue Corona-Leben beschreibst.
    Danke!!
    Und ich hoffe es geht noch weiter…
    Liebe Grüße aus Flensburg (hoffe wir dürfen bald wieder rüber nach DK…)
    Christina

    1. Liebe Christina, vielen Dank für das Lob. Ich werde sicher mal noch das ein oder andere aus diesen Zeiten berichten. Ich drücke die Daumen, dass wir bald alle wieder geöffnete Grenzen haben. LG

  2. Ich freue mich sehr, wieder von dir zu hören. Deine Beiträge waren und sind sehr unterhaltsam und interessant. Spannend finde ich auch, wie Dänemark die Rückkehr zum Unterricht handhaben. Draußen-Unterricht finde ich sehr innovativ 😊
    Ich hoffe, bald wieder weitere Neuigkeiten erfahren zu dürfen.
    Herzliche Grüße
    Cathrin

    1. Liebe Cathrin, ich freue mich, dass Du Dich freust. Und dass ihr meine Beiträge offensichtlich vermisst habt. Das motiviert doch zu neuen Blog-Posts 🙂 Liebe Grüße aus dem sonnigen DK

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