Erwachsene Langeweile

Vor drei Jahren. Ich sitze auf dem Sofa und lese einen Krimi. Vor mir eine Tasse mit White Cappuccino von Krüger (eines der wenigen deutschen Produkte, deren Substitution mir hier in Dänemark bis heute nicht gelungen ist). Es ist Wochenende. Draußen scheint die Sonne, wärmt die auf dem Sofa bequem ausgestreckten Beine und erhellt das Gemüt. Über dem 4Nordlichter-Haus liegt eine herrliche Ruhe. Idylle pur.

Da betritt meine Tochter, zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt, die Szene.  Sie stellt sich vor mich und blickt auf mich hinunter. Kampfbereit. Widerstrebend tauche ich aus meinem Krimi auf und stelle mich der Realität.

„Mir ist LANGWEILIG!!“

Der Gesichtsausdruck finster, Anklage in ihrem Blick. Die Mundwinkel zeigen bedrohlich nach unten.

Ich lächele freundlich. „Tillykke, mein Schatz. Glückwunsch!“

Die kleine Anklägerin sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an.

„Langeweile ist etwas Gutes“, erkläre ich.

Eine steile Falte erscheint auf der töchterlichen Stirn. Sie verschränkt die Arme vor der Brust.

„Ist es nicht“, erwidert sie trotzig. „Ich weiß nicht, was ich tun soll! Ich habe nichts zu spielen.“

Ich blättere auf die nächste Seite um. „Jesper Juul sagt, Langeweile ist etwas SEHR gutes!“

„Wer ist Jesper Juul?“ Mürrisch unterbricht sie mich.

„Ein Däne, der ganz viel über Kinder und Erziehung weiß.“ Ich trinke einen Schluck Cappuccino.

„Laut Jesper Juul dauert Langeweile ungefähr eine Viertelstunde. Danach wird dir etwas ganz Tolles einfallen. Langeweile führt zu Kreativität. Du wirst schon sehen“.

Sie schnaubt hörbar durch die Nase und trabt davon. Ich sinke wieder in meinen Krimi hinab.

5 Minuten später.

„Mir ist IMMER NOCH langweilig!!!“

Ich schaue auf meine Uhr. „Es dauert ja auch noch 10 Minuten, min skat. Sagt Jesper Juul.“

Die Kleine stöhnt und trollt sich.

„Dir fällt bald was ein“, rufe ich ihr noch hinterher.

Zwei Kapitel später schrecke ich auf. Wo war meine Tochter? Sie war nicht erneut aufgetaucht, um sich drohend vor mir aufzubauen. Ich lausche angestrengt. Leise Laute ertönen aus dem Kinderzimmer. Vorsichtig schleiche ich mich den Gang entlang und luge um die Ecke. Sie sitzt auf dem Boden, versunken in ihre eigene Welt, um sich herum Playmobil, Malstifte und Papier.

Leise ziehe ich mich zurück. Der kann tatsächlich was, dieser Jesper Juul.

***

3 Jahre später.
Mittwoch, 11. März 2020. Die Staatsministerin Dänemarks, Mette Frederiksen, spricht in einer historischen Pressekonferenz im Fernsehen die drei magischen Worte, die unsere beschauliche Welt auf den Kopf stellen werden:
Danmark lukker ned! Dänemark wird runtergefahren.

Am darauffolgenden Tag nehme ich die Kinder aus der Schule und arbeite künftig im Home Office. Wir bleiben weitgehend zuhause und verlassen unsere vier Wände nur für Ausflüge in die frühlingshafte dänische Natur.

Zwei Wochen später der Anruf meines Chefs. Aufgrund der eingebrochenen Auftragslage in unserer kleinen Exportfirma bin ich ab sofort – wie viele andere meiner Kollegen – „hjemsendt“. Heimgeschickt. Auf Deutsch: Kurzarbeit.

Auf einmal habe ich Zeit. Viel Zeit! So viel Zeit.
Von einer auf die nächste Woche komplett aus dem Hamsterrad heraus katapultiert. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals SO VIEL ZEIT hatte. Hatte ich höchstwahrscheinlich auch noch nie.

Enthusiastisch mache ich mich über alle möglichen Aufgaben rund um Home-Schooling, Haus, Garten und Auto her, zu denen ich im ansonsten hektischen Drehen des erwähnten Hamsterrades gar nicht komme. Zwei Wochen später war der größte Teil der vorhandenen Erledigungen erledigt. Ich zog noch ein oder zwei weitere Aufgaben an den Haaren herbei, doch dann verließ mich so langsam die Lust. Und die Energie. Viel Zeit haben verlangsamt scheinbar Körper und Geist.

Ich schalte also um auf Hygge. Endlich hab ich Zeit dazu! Wann fliegt man schonmal derartig aus dem Hamsterrad? Das muss ich ausnutzen!

Ich krame ein großes Puzzlespiel hervor. Ein farbenfrohes Städtchen in einer italienischen Bucht.

Beim Puzzeln kann man so schön seinen Gedanken zuhören. Da der gepuzzelte Ort in Italien liegt, lenkt mich die Tätigkeit jedoch nicht dauerhaft vom Weltgeschehen ab.

Nach einer geschickt platzierten Werbung im www kaufe ich spontan mein erstes Diamond Painting Set. Seither klebe ich fleißig und systematisch kleine bunte Diamanten auf eine Leinwand.

Das macht viel Spaß, befriedigt den Ordnungssinn ungemein und die Gedanken wandern entspannt umher (läge das Motiv nicht in den USA… )

Ich jäte Unkraut im Garten. Ich lese Nachrichten. Ich blogge auf einmal wieder, und gar nicht mal so wenig. Ich spiele Hay Day. Ich versinke in Computerspielen. Ich rege mich über sinnlose Diskussionen und noch sinnlosere Argumente auf Facebook & Co. auf. Wieso verschwendet man eigentlich kostbare Zeit mit dem Konsumieren von Meinungen fremder Menschen, denen außerhalb der sozialen Medien sowieso niemand zuhören würde?

Ich lese drei Bücher gleichzeitig. Ich schlachte diverse Tomatensorten und trockne die Samen. Ich pflanze sie in Aufzuchterde und sehe den kleinen Pflänzchen beim Wachsen zu.

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#nochmehrzeit und #nochmehrpflanzen

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Ich pikiere die Keimlinge akribisch (und zu früh) und bringe manche damit leider um ihr Leben.

Ich mache dies und das.

Doch egal, was ich so tue… ich finde wenig Ruhe. Ich bin irgendwie rastlos.

Eines Tages klopfe ich also an die Zimmertür meiner Tochter. Die zwei kleinen Nordlichter scheinen zusammen ein Spiel auf ihren Tablets zu spielen. Alle paar Minuten hört man lautes Lachen oder Jubeln, entweder aus dem einen oder aus dem anderen Zimmer. Zwischendurch rufen sie sich Kommandos zu. Vorsichtig trete ich ins Zimmer.

Meine Tochter starrt auf das Spiel vor sich. Ihre Augen blitzen. Ich setze mich zu ihr aufs Bett.

„Ich langweile mich“, beginne ich zaghaft.

Sie spielt ungerührt  weiter.

„Mir ist LANGWEILIG“, wiederhole ich laut unnd deutlich.

Sie blickt kurz zu mir auf. Lächelt mir freundlich zu.
„Tillykke, Mama! Glückwunsch.“

Erstaunt blicke ich sie an.

„Langeweile ist etwas Gutes!“ Sie nickt mir aufmunternd zu.

Ich runzele die Stirn. „Aber ich weiß nicht, was ich tun könnte. Ich habe auf nichts Lust…“

Sie grinst. „Jesper Juul sagt….“

Ich seufze laut und erhebe mich.

„… es dauert so eine Viertelstunde… und DANN…. Du wirst schon sehen!“

Ihr Kichern hallt mir nach, als ich das Zimmer verlasse. Ich sehe auf die Uhr.

15 Minuten.

Hoffentlich kann er was, dieser Jesper Juul!

8 Kommentare zu „Erwachsene Langeweile“

  1. Schön, wie Du die Langeweile von Dir und Deiner Tochter beschreibst. Auch ich genieße diese Zeit. Meistens nicht zu Hause, sondern in der Natur. Draußen im Wald begegnet mir kaum ein Mensch und ich denke manchmal alles sei in Ordnung. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen sehe ich vollkommen psychopathische Politiker und zunehmend mehr traumatisierte und verängstigte Menschen. Selbst im Auto sehe ich Leute mit Maulkorb. Aber auch hier liegt, genauso wie in der Langeweile, eine Chance. Ich sehe die darin, dass immer mehr Menschen das perfide System hinter diesem Theater erkennen. Darüber nachzudenken lohnt sich. Und schon ist die Langeweile weg. Alles Gute.

    1. Hallo Klaus,
      die Natur hilft auch ungemein. Wir sind oft unterwegs da draußen, und da merkt man gar nicht so viel von den verrückten Zeiten. Einfach herrlich.
      Ja, jeder muss seinen eigenen Weg durch die Krise finden. Manche werden rebellisch, manche ängstlich, manche hysterisch, andere geben sich Konspirationstheorien hin, um der Realität zu entfliehen, und wieder andere machen einfach das Beste aus dieser unglücklichen Situation.
      Wir kommen da schon durch, es braucht Geduld. Alles Gute für Dich, LG aus dem Norden.

  2. „Wieso verschwendet man eigentlich kostbare Zeit mit dem Konsumieren von Meinungen fremder Menschen, denen außerhalb der sozialen Medien sowieso niemand zuhören würde?“. Diesen Satz werde ich mir merken. Besser kann man es nicht sagen. Danke für die Langweile, denn daraus entsteht Kreativität und Neues.

  3. Liebste Maritta!
    Ich habe gerade deinen Blogg gelesen.
    Ich hatte das Gefühl, ich bin direkt bei dir und deinem kleinen Nordlicht (💖 )
    Es War sehr spannend, aber auch amüsant zu lesen.
    So,so, dieser Jul Jesper ist immer mal zu einem bestimmten Thema ( gääääähn ) bei euch präsent. ☺ Als ich am Ende des Bloggs angekommen war, habe ich mich dabei ertappt, dass ich schallend lachen musste…….das war so köstlich. …… Tja, man sollte auch als Mama aufpassen, was man seiner kleinen Tochtermaus ( Nordlicht ) so sagt!😂☺

  4. Ja so ist der Mensch: nie zufrieden mit dem was er hat 😂
    Na ja das ist etwas hart verglichen. Aber solche Situationen zeigen wie sehr man im Trott ist, wie schlecht man sich auch teilweise umstellen kann.
    Ich kann mich seit vielen Jahren nicht über Langeweile beklagen. Denn wenn man täglich beruflich oft zu 120% gefordert ist werden 80% schon erholsam. Zwar bin ich eben nicht ganz ‚ruhig gestellt‘, doch meine Kurzarbeit läßt mich endlich wieder erholen, keine Langeweile aufkommen. Ich genieße es eher auch Langeweile zu haben.

    Darum genieße Du es auch. Es fördert wirklich die Kreativität, lockt Dinge hervor die einem schon fast aus den Gedanken entfallen waren und bringt auch andere, neue Wege zum Vorschein.

    Und ….. es wird, wenn es soweit ist, auch wieder viel zu schnell vorbei sein. Gefühlt oder real.

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