Mutter werden oder: Das Bootcamp

Was geschieht nun, wenn eine Frau die aufgezählten 10 für die Mutterrolle denkbar ungeeigneten Eigenschaften bei sich finden kann und allen Vorzeichen zum Trotze dennoch Mutter wird?

Nach der Geburt meiner Tochter wurde ich von einer Fülle an Emotionen überwältigt, in einer bis dato nie gekannten Intensität! Ich war ergriffen von diesem kleinen Bündel Mensch. Berührt von der Tatsache, diesen Winzling erschaffen zu haben. Erfüllt von einer unendlichen Liebe, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können!

DAS war also das vielzitierte Mutterglück, von dem alle sprachen.

Mit diesem kraftvollen Wind in den Segeln gingen die praktischen Herausforderungen eines kleinen Babys viel leichter von der Hand, als ich mir vorher ausgemalt hatte.

Mein Mann und ich hatten aus unserem Umfeld bereits die ein oder andere eher beunruhigende Erzählung über die Realität mit einem Baby erhalten und hatten uns mental auf das Schlimmste eingestellt. Umso erleichterter waren wir, als sich unser neuer Alltag als gut machbar herausstellte. Nicht, dass wir ein sonderlich pflegeleichtes Baby gehabt hätten. Nachts stand ich mehrmals auf und tagsüber kämpfte ich mich wie die meisten Mütter durch chaotische Tage mit Dauerstillen, Dauerschunkeln, Dauerwindelwechseln und Dauerklamottenwechseln. Der Haushalt lag brach. Duschen, Haare waschen, zur Toilette gehen, Anziehen, Wäsche waschen und Essen geschah nur sporadisch oder zufällig. Das Baby bestimmte meinen Tagesablauf. Als meine Tochter etwas älter wurde, lernte ich das Wort Schub und dessen künftige Bedeutung für meinen Alltag. Nach einem halben Jahr galt dasselbe für das Wort „Zähne“.

Nichtsdestotrotz war die Situation immer noch einfacher als erwartet.

Von dieser positiven Erfahrung übermütig geworden, legten wir gleich noch ein Geschwisterchen nach! Innerhalb von zwei Jahren hatten wir somit zwei bezaubernde kleine Gestalten in die Welt gesetzt. Zwei ganz phantastische Wesen!

In Kombination jedoch die beiden anstrengendsten Geschöpfe der Welt….
Und unser Kampf begann – ein zäher Kampf ums nackte Überleben!

Die Natur hat das wirklich geschickt eingerichtet: Ist man noch keine Mutter (bzw. Vater), reicht die vorhandene Vorstellungskraft nicht aus, die bevorstehenden Anstrengungen auch nur ansatzweise einschätzen zu können.

Das erste Jahr als Zweifach-Mama fragte ich mich entsetzt, wie ich mich freiwillig in dieses bodenlose Chaos hatte begeben können. Was zum Teufel hatte ich mir nur dabei gedacht, so schnell zwei kleine Kinder in die Welt zu setzen? Wir hatten keinerlei familiäre Unterstützung in der Nähe und mussten die Herausforderung ohne jegliche klitzekleine Entlastung zwischendurch meistern.

Ich kämpfte täglich mit spontanten Fluchtimpulsen. Ich nenne es Fluchtimpulse, die Ärzte nannten es postpartale Depression.

Nach einem knappen Jahr gab es endlich wenigstens hin und wieder einen klitzekleinen Ausblick auf eine erträglichere Zukunft. Kleine Lichtblicke, die irgendwann in naher oder ferner Zukunft auf ein Leben mit mehr als 3 Stunden Schlaf am Stück hindeuteten. Auf ein Leben mit einer Lärmkulisse, die möglicherweise ganz ohne Ohrenstöpsel auszuhalten war. Auf ab und zu fünf lange Minuten, die man ganz ohne einen oder zwei Zwerge am Hosenbein verbringen konnte. Und dies, ohne sich hierfür in der Toilette einschließen und ein größeres Geschäft vortäuschen zu müssen.

Meine Fluchtimpulse reduzierten sich von mehrmals täglich auf mehrmals wöchentlich.

Nach zwei Jahren wurde aus „Überleben“ wieder Leben!

Seither gelingt es uns, den Großteil der Alltagsanforderungen mit Gelassenheit und Humor zu meistern. Es ist – wie man am Blog unschwer erkennt – wieder Zeit für anderes als Nachschlafen und Zwergenbetreuung übrig. Wir genießen diese Rückkehr in „normalere Gefilde“ und begrüßen das bunte Familienleben!

Für das Absolvieren dieses wahnsinnigen „Bootcamps“ werden wir nun auch reichlich belohnt!

Einmal natürlich mit den zwei wunderbarsten Kindern der Welt!
Es gibt jedoch noch weitere Belohnungen.
Denn zwei Jahre derart außerhalb der Komfortzone verschieben sämtliche persönliche Grenzen und erweitern den Horizont ungemein.

Meine 10 aufgezählten bisherigen Eigenschaften haben sich in den beiden letzten Jahren nach und nach fast unmerklich gewandelt und fügen sich zu einem ganz neuen Gesamtbild zusammen.

Fortsetzung folgt:
10 Eigenschaften einer „denkbar geeigneten Mutter“

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2 Kommentare zu “Mutter werden oder: Das Bootcamp”

    1. Liebe Petra,
      danke für Deine Anfrage.
      Du scheinst aus meinen Zeilen schon das Richtige herausgelesen zu haben, auch wenn ich meine postpartale Depression hier nicht offen zum Thema gemacht habe.
      Du darfst mir gerne die Fragen schicken – ich schaue sie mir mal an. Momentan herrscht bei mir grosser Zeit- und Energiemangel für die Schreiberei, aber wenn keine Deadline dahinter ist, werde ich Dir sicher bei Gelegenheit etwas zusenden. Je nachdem, was Du so fragst und wie tief ich mich darauf einlassen möchte 🙂
      Liebe Gruesse
      Mary

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