Long distance relationship

Im Vorfeld dieses Besuchs hatte ich versucht, möglichst ohne besondere Erwartungen an mein Abenteuer in Kopenhagen heranzugehen. Denn eine Sache war, sich in einem Skiurlaub kennenzulernen und Feuer zu fangen, eine andere war es, 4 Tage zusammen zu verbringen, ohne sich wirklich zu kennen. Ich hatte mir vorsichtshalber grob einen Plan B zugelegt für den Fall, dass ich nicht das ganze Wochenende in der Wohnung des Dänen wohnen konnte. Die ganze Aktion an sich war ja generell etwas gewagt, und äußerst atypisch für meine nicht gerade risikofreudige Persönlichkeit…

Ich überstand den Flug in höchster Anspannung und Nervosität, und wappnete mich dann für das Wiedersehen nach 3 Wochen mit vielen romantischen SMS und Telefonaten.

Der nette Däne holte mich am Flughafen in Kopenhagen ab. Schon im Augenblick unseres Wiedersehens, wusste ich, dass der Plan B getrost beiseite gelegt werden konnte. Wir waren uns sofort wieder ganz vertraut, und alles, was in Österreich zwischen uns war, war auch in Dänemark in vollem Umfang da.

Wir fuhren mit dem Zug in seinen Wohnort am Rande Kopenhagens, Lyngby, und unterhielten uns blendend. Ich war besonders auf seine Wohnung gespannt, denn ich finde, eine Wohnung sagt viel über den Bewohner aus. Als ich die Wohnung betrat, fühlte ich mich auf Anhieb wohl und wusste, dass ich dort die nächsten 4 Tage verbringen werde.

Das dann folgende lange Wochenende übertraf meine kühnsten Erwartungen. Wir verbrachten eine wunderschöne, unvergessliche Zeit zusammen! Nach wenigen Tagen war uns beiden klar, dass das Wochenende kein Ende war, sondern ein Anfang!

Ich flog nach Hause und fühlte, dass sich etwas Besonderes anbahnte. Noch am selben Abend checkte ich die nächsten Flug- und Urlaubsmöglichkeiten für 3 Wochen später. Ich bekam keinen Direktflug mehr zu einem erschwinglichen Preis, doch immerhin noch einen Flug über die Schweiz. Den buchte ich sofort.

Am nächsten Tag suchte ich – nach einer kurzen Berichterstattung an meine sehr erfreute Kollegin – postwendend meinen Chef auf und erklärte ihm, dass ich ab sofort alle 3 Wochen für 4-5 Tage nach Kopenhagen fliegen muss. Da meine Urlaubstage hierfür auf längere Sicht nicht ausreichen würden, teilte ich ihm mit, dass ich zur Ansparung von weiteren Ausgleichstage künftig an Samstagen arbeiten möchte. Das passte ohnehin mit der sehr stressigen Zeit in meinem Job zusammen, wo oftmals die normalen Werktage in der ersten Monatshälfte nicht ausreichten, um der vielen zahlreichen Deadlines Herr zu werden.

Ich argumentierte, dass ich schon seit Jahren vergeblich um eine Hochstufung meiner Gehaltsgruppe kämpfte und der Job so auf diese Weise einen attraktiven Vorteil für mich bieten könnte, wenn schon keine Gehaltserhöhung drin war. Immerhin war mein Aufgabengebiet und meine Kompetenzen über die letzten Jahre hinweg deutlich gewachsen, das Gehalt jedoch nicht.

Mein Chef starrte mich nach meiner Rede sprachlos und erstaunt an. Und stimmte zu. Erfreut verließ ich das Büro und meinen überraschten Chef. Er traf die notwendigen Regelungen mit Personalabteilung und Betriebsrat, und ich buchte gleich den übernächsten Flug. Denn ich wollte wieder einen günstigen Direktflug Frankfurt-Kopenhagen mit einer angenehmen Flugzeit von etwas über einer Stunde. Der Abstecher über Zürich dagegen dauerte 4 Stunden reine Flugzeit, plus Umsteigen und Aufenthalt im Züricher Transitbereich.

So nahm unsere Fernbeziehung Frankfurt-Kopenhagen ihren Lauf. Mein Umfeld reagierte sehr unterschiedlich. Die meisten sahen mit gemischten Gefühlen auf die neuen Entwicklungen in meinem Leben. Viele erkannten mich nicht wieder und waren der Meinung, ich würde mich in etwas verrennen. Meine Gefühl, dass hier etwas außergewöhnliches geschah, konnte ich schließlich kaum in Worte fassen, die für einen Außenstehenden nachvollziehbar und vernünftig klangen. Und da ich mich durch die Entwicklungen auch in meiner Persönlichkeit begann zu verändern, war dies für mein Umfeld sicher auch erst mal etwas unbequem. Aber meine Familie und Freunde sahen zumindest nach und nach ein, dass sich hier etwas entwickelte und möglicherweise nicht so schnell zu Ende war wie ursprünglich gedacht.

Ich erhielt die merkwürdigsten Kommentare und Ratschläge. Zum Beispiel wurde mir Glück gewünscht für die Beziehung, aber gleichzeitig angefügt, dass eine Auswanderung ohnehin nicht in Frage kommen könne. Auf mein „Warum“ erhielt ich Antworten wie „weil Du das nicht willst“ oder „weil man das nicht eben mal tut“. Eine andere Freundin prophezeite mir, dass meine Fernbeziehung sicher nicht am Charakter des Dänen scheitern würde, aber auf längere Sicht an den 1000 Kilometern. Die Verfasser dieser Kommentare meinten das auch gar nicht böse. Sie waren sich schlicht und einfach sehr sicher und glaubten ihre Aussagen. Schließlich kannten sie mich. Teilweise schon jahrelang.

Mehr oder weniger davon unbeirrt ging ich jedoch meinen Weg weiter, gestärkt von einem positiven Grundgefühl, das Richtige zu tun. Ich begann, die dänische Sprache zu lernen. Sehr diszipliniert lernte ich jeden Morgen eine halbe Stunde mit Hilfe eines kurzfristig bestellten Computerprogramms dänische Vokabeln und Sätze. Da mir Sprachen generell leicht fallen, konnte ich schon innerhalb kurzer Zeit leichtere Texte lesen und schreiben.

Parallel dazu reiste ich alle 2-3 Wochen nach Kopenhagen, und mein Däne und ich lernten uns auf diese Weise weiter kennen. Zuhause in Deutschland arbeitete ich die restliche Zeit in einer stressigen 6-Tage-Woche und lernte weiter dänisch.

Da ich in meinem Job dank meines Chefs eine hohe Flexibilität hatte im Vergleich zu meinem Freund, flog ich öfter nach Kopenhagen und wir teilten uns alle Auslagen. Doch mein Däne besuchte mich ebenfalls in Deutschland, wenn er Gelegenheit dazu hatte. Die nächsten 2 Besuche standen in der Regel jeweils fest. Wir entwickelten uns schnell zu Organisationstalenten und Flugexperten.

So war unsere Fernbeziehung über 1000 Kilometer unmerklich ins Rollen geraten und nahm weiter ihren Lauf.

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