Alleine reisen und gutes Karma

Nun bin ich also in Lübeck. Alleine.

Auch wenn ich vor kurzem die 40 erreicht habe: Ich bin noch nie alleine gereist. Das heißt noch nie so RICHTIG alleine gereist. Natürlich bin ich bereits mehrmals irgendwo alleine hingefahren, mit Auto und Zug, oder auch alleine geflogen. Aber am Ziel wartete stets jemand auf mich. Kollegen, Familie, Freunde.
Dieses Mal ist es anders. Ich reise alleine. Am Ziel bin ich ebenfalls alleine.

Was sich erst einmal merkwürdig anfühlt, löste sich bei mir schnell in Wohlgefallen auf. Alleine reisen, alleine sein – alles sehr undramatisch. Es ist gar nicht schlimm, irgendwo alleine aufzutauchen, auch wenn andere dort sich zu Pärchen oder kleinen Grüppchen zusammengerottet haben. Die Welt bleibt weder stehen noch drehen sich alle Köpfe herum, wenn eine einsame, verloren scheinende Gestalt die Tür öffnet und einen Raum betritt. Mal abgesehen von den Köpfen in der finnischen Sauna gestern. Diese Sauna war etwas dunkel gestaltet, so dunkel, dass sie mir beim Abchecken durch die Glastür völlig leer vorkam. Als ich jedoch wenig später beschwingt die Tür öffnete und eintrat, saßen – aus dem Nichts heraus – die einzigen drei Herren, mit denen ich den großzügigen Wellnessbereich teilte, ganz plötzlich auf der hintersten Bank und sahen mich freundlich an.

Es gelang mir mit Müh und Not, meine Fluchtimpulse zu unterdrücken. Die Herren machten es mir dankenswerterweise auch etwas einfacher und grüßten freundlich. Tapfer setzte ich mich auf mein Handtuch und versuchte, nicht allzu verkrampft auszusehen. Danach schwitzte jeder für sich selbst weiter.

War also gar nicht so schlimm. Nicht mal das.


2-3 Stunden Wellness, Sauna, Schwitzen, kalt abduschen und mit Eis einreiben, sich in den flauschigen Bademantel kuscheln, auf einer bequemen Liege im Kaminzimmer die Füße hochlegen, ein Buch in der Hand, das endlich fertig gelesen werden konnte, einen leckeren Joghurt mit frischen Früchten, ein Fußbad, 20 Minuten im Sanarium und meditative Musik im Ruheraum… Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch. Die Dame am Spa-Empfang wollte mich beim Verlassen des Wellness-Bereichs fragen, wie mir der Aufenthalt gefallen habe, brach jedoch nach der Hälfte des Satzes ab und schloss mit den Worten: „Die Frage ist unnötig, man sieht es Ihnen direkt an, wie gut Sie sich fühlen.“ 🙂 Schön.

Abends dann hübsch herausgeputzt und ins Hotel-Restaurant im Erdgeschoss. Ein 3-Gänge-Menü stand an. Ich war spät dran, nur noch wenige Gäste saßen an den Tischen. Ich setzte mich an einen gemütlichen Platz am Fenster. Als ich feststellte, dass dieser noch nicht wieder aufgedeckt war, setzte ich mich um, in die Nähe eines älteren Herrns mit einem leicht grimmigen Gesichtsausdruck. Nun gut, nicht jedem ist ein freundliches Gemüt direkt anzusehen.

Wenig später brachte der freundliche Kellner meinem Tischnachbarn das Essen. Ein Fischgericht. Der Mann sah missmutig auf den Teller und polterte los. Zwar durchaus mit gedämpfter Stimme, dafür umso mehr mit giftigem Tonfall. Taktvoll bemühte ich mich, wegzuhören. Dass es um einen außergewöhnlichen Menü-Wunsch ging, den der Herr jedoch bis 18 Uhr hätte vorbestellen müssen, bekam ich gezwungenermaßen mit. Der Kellner bemühte sich, seinen unzufriedenen Gast zu besänftigen, und machte in meinen Augen damit eine sehr gute Figur. Jedoch ohne Erfolg. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her. Vergeblich versuchte ich, mich auf mein Buch zu konzentrieren, das ich mir für den ersten Restaurantbesuch nur in meiner Gesellschaft extra mitgenommen hatte. An irgendetwas muss man sich ja festklammern können.

Schließlich fielen Worte wie „Ihre unglaubliche Inkompetenz“ und andere Dinge, die meine meditationsklängeverwöhnten Ohren so überhaupt nicht hören wollten.

Der Kellner löste die Situation mit ein paar abschließenden Worten auf und verließ den Tisch. Für den Mann neben mir war die Situation nicht unbedingt gelöst. Er schwieg zwar, doch negative Schwingungen schwappten rüber an meinen blütenreinen Tisch.

Nun lebe ich ja in einem Land, in dem so gut wie nie genörgelt wird. Beschwerden und offene negative Kritik sind hier die Seltenheit. Nicht, dass ich das unbedingt stets gut heißen kann und nicht, dass es in Dänemark nicht auch einiges Negatives gäbe. Dieses brodelt jedoch eher unter der Oberfläche und wird oft nicht in Worte gefasst (so dass es auch mal zu gewaltigen angestauten Explosionen kommen kann). Und nach 9 Jahren in solch einem sanften, beschwerdefreien Umfeld bin ich wohl etwas zart besaitet. Möglicherweise hatte der Mann neben mir ja recht? Oder er hatte vielleicht einen Tag mit übler Laune?

Wie dem auch sei:
Ich brauchte gutes Karma!! Schließlich war ich auf meinem ganz persönlichen Wellness-Trip. Ich pflegte Körper und Seele, hatte hierfür extra extrem spärliche Zeit und finanzielle Mittel aufgewendet. Was ich wollte, war Harmonie. Und Ruhe. Überall.

Als der nette Kellner also mit der Karte kam, stand ich spontan auf und deutete auf den Platz am Fenster, den ich ursprünglich ausgewählt hatte. Eine Restaurantmitarbeiterin war gerade dabei, diesen zu decken.

Wenig später saß ich dort und atmete auf. Zwei Tische vor mir saß eine kleine Gruppe Gäste, die ruhig und freundlich miteinander sprachen und hin und wieder in lautes Gelächter ausbrachen. Genau das richtige für mein dänisch angehauchtes Gemüt. 🙂

Der Kellner reichte mir die Karte und lächelte wissend.

In diesem hyggeligen Umfeld genoss ich ein ausgezeichnetes 3-Gänge-Menü und ein Glas perlenden Rosés, letzterer zum beeindruckenden Preis von 4,20 Euro (für 0,2 l). Zum Vergleich: In Kopenhagen kosten 0,1 l bereits rund 8 Euro…
Leben und Entspannen wie Gott in Deutschland 🙂

Neben all diesen vielen positiven Schwingungen meiner kleinen Reise soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ich am Abend einfach nicht einschlafen konnte. Das Bett war groß und bequem, die Bettlaken rein und wohlriechend. Keine kleinen Füßchen, die mir in die Seite traten, keine Ärmchen, die sich um meinen zarten Hals schlängelten, als wollten sie mir in Kürze die Luft für immer abdrücken. Keine kleinen warmen Körper, die das im Vorfeld warme Bett urplötzlich zu finnischen Saunatemperaturen aufheizten.

Stattdessen: Viel Platz. Wohltemperiertes Bettzeug. Die Bettdecke gehört mir allein. Im Zimmer ist alles sauber. Ganz wichtig: Alles liegt genau an dem Platz, den ich für den jeweiligen Gegenstand definiert habe. Genau, wie ich es haben möchte.

Wo blieb also nur dieser verdammte Schlaf?

Ich drehte mich, ich wälzte mich, ich blickte auf die Uhr, oje schon so spät. Drehte und wälzte mich weiter. Sollte das etwa die ganze Nacht so weitergehen???

Ich gebe zu, dass ich irgendwann aufstand. Den Tweety-Pulli in Größe 98 aus dem Koffer kramte und ihn auf mein Kopfkissen legte. Die selbstbemalte Muschel meiner Tochter hübsch auf dem Nachtisch neben meinem Bett drapierte.

Damit klappte es dann irgendwann…

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