Urlaub an der dänischen Westküste: Stress down!

Der Plan für den ersten Urlaubstag: „Stress down“ – den ersten Stress abfallen lassen. Und die Tage darauf jeden Tag noch ein Stück mehr.

Heute früh stieg der Stresspegel jedoch zunächst noch einmal etwas weiter an. Ich zitiere aus dem vorigen Blog-Post:

„Draußen pfeift der Wind um die Dünen. Die Luft riecht salzig. Ich werde gut schlafen, ganz sicher“.

Letzteres wäre sicherlich auch geglückt, hätten sich nicht drei bestimmte Familienmitglieder hartnäckig in den Kopf gesetzt, meinen geplanten heiligen Nachtschlaf zu sabotieren. Meine bessere Hälfte röchelte und schnarchte exakt in dem Moment, in dem ich in seligen Schlaf überzugleiten versuchte. In Anbetracht ihres gesundheitlichen Befindens sei sie entschuldigt, die bessere Hälfte. Nach cirka fünf erfolglosen Einschlafversuchen gab ich auf. Todmüde packte ich mein Bettzeug und zog ins Schlafzimmer der Kinder. Die bessere Wahl? Nicht unbedingt. Zu meiner Rechten, zu meiner Linken, zu meinem Kopfe und zu meinen Füßen wühlten sich kleine, warme Kinderkörper durch die tiefschwarze Nacht. Zwischendurch, im Halbschlaf, fragte ich mich, wo all diese vielen wühlenden Kinder herkamen. Ich hatte doch nur zwei.

Leicht gerädert stand ich heute morgen auf und beschloss, im Falle einer Wiederholung dieser Situation einfach das dritte Schlafzimmer des Ferienhauses in Beschlag zu nehmen.

Positiv zu erwähnen sei an dieser Stelle, dass alle drei Familienmitglieder bis 7.30 Uhr schliefen. Da ich aus unerfindlichen Gründen in einer Familie mit Frühaufstehern gelandet bin, sind dies zwei Stunden länger als gewöhnlich. Es war auch tatsächlich bis 7.30 stockdunkel auf Holmsland Klit, so dass ich beide Kinder mehrfach zum Weiterschlafen (bzw. -wühlen) überreden konnte.

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Ein Blick aus dem Fenster entschädigte mich für die unruhige Nacht. Ich tröstete mich mit dem Gedanken daran, dass der frische Wind am Meer  meine Müdigkeit nachher schon vertreiben würde. Meine bessere Hälfte kam etwas zerknautscht aus dem Schlafzimmer. Die Medizin schien anzuschlagen: Er fühlte sich schon etwas besser. Wunderbar! Frohen Mutes schlurfte ich ins Bad und begann mit der Morgentoilette. Mein Blick fiel auf den Schlüssel in der Badezimmertür. Diesen sollten wir besser entfernen, auch an den anderen Türen im Ferienhaus. Nicht dass sich jemand einschloss.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Mein Mann rief nach mir. Unser Kleinster hatte sich just in diesem Moment im 3. Schlafzimmer eingeschlossen. In DEM Schlafzimmer, in das ich heute Abend vor den Schlafsabotageversuchen meiner Familie zu flüchten gedachte.

Herrje. Eilig rannte ich zum Schlafzimmer und versuchte, mit meinem eingeschlossenen Sohn Kontakt aufzunehmen. Er schien die Situation noch lustig zu finden. Ich hörte ihn hinter der Tür lachen. Bei meinen Anweisungen, versuchte ich, keine Panik in meiner Stimme mitschwingen zu lassen. Verschiedene Schreckensszenarien geisterten durch meinen Kopf. Allen voran: „Bloggerin brach panisch die Schlafzimmertür auf!“
Fünf Minuten später fand Sohnemann die Situation merklich weniger lustig. Er begann zu jammern und nach mir zu rufen. Ich schwitzte. Mit vermeintlich ruhiger Stimme wiederholten wir unsere Anweisungen, den Schlüssel weiterhin zu drehen. Oder alternativ ihn herauszuziehen. Mit Zweieinhalb verstand er durchaus, was das bedeutete, aber er schien in die falsche Richtung zu drehen. Zwischendurch hörten wir, wie er den Lichtschalter ein- und ausknipste. Er schien fest daran zu glauben, dass dies die Situation möglicherweise ebenfalls retten konnte.

Mein Mann stand auf unserer Seite der Tür mit einem zweiten Schlüssel und starrte ins Schlüsselloch, während ich meinen Sohn zu weiteren Versuchen anfeuerte. Wir warteten darauf, dass unser Söhnchen den Schlüssel wenigstens in die Mittelposition drehte, so dass wir ihn mit unserem Schlüssel herausschieben konnten. Mein Sohn drehte tapfer weiter. Zwischendrin hörten wir das energische Knipsen des Lichtschalters. Plötzlich machte es Klick. Das Geräusch hatten wir die letzten Minuten noch nicht gehört. Hastig drückte mein Mann seinen Schlüssel ins Schloss. Wir hörten, wie auf der anderen Seite ein Schlüssel zu Boden fiel. Schnell schlossen wir die Tür auf und mit einem Strahlen im Gesicht warf sich unser Kleiner in unsere Arme. Ich löschte den Satz „Bloggerin brach panisch die Schlafzimmertür auf“ aus meinem Gehirn.

Bevor es zu weiteren Hindernissen kommen konnte, verließen wir schnell das Haus und brachen mit Schaufeln und Eimerchen bewaffnet in Richtung Nordsee auf.

Das Ferienhaus #3490 liegt laut Beschreibung 200 Meter von der Nordsee entfernt.

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Als Ferienhausgast vergisst man gerne mal, dass es sich bei diesen Angaben um die Luftlinie handelt. Der tatsächliche Gehweg zum Meer ist bei diesem Haus jedoch nicht viel länger. Außer natürlich, man hat Kleinkinder dabei (alternativ Hunde, die am ersten Tag wahrscheinlich ebenfalls erst mal ihr Revier abstecken müssen).

Eine knappe Viertelstunde nach Verlassen des Hauses hatten wir es geschafft und die letzte Anhöhe vorm Strand erklommen.

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Ich weiß nicht, wie genau es funktioniert, aber es passiert jedes Mal: Wenn ich über die letzte Düne klettere und einen ersten Blick aufs Meer werfen kann, weiten sich meine Augen und mein Herz. Die Natur übernimmt die Führung.

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Innerhalb von Sekundenbruchteilen erscheinen mir sämtliche Sorgen, Müdigkeit und Stress wie weggeblasen. Ich fühle Ruhe. Wie klein und unwichtig wir Menschen doch sind vor dieser phantastischen Kulisse, vor den Naturgewalten, die dies erschaffen haben!

Es ist schwer in Worte zu fassen. Die Dänemark-Liebhaber unter meinen Bloglesern wissen sicherlich haargenau, was ich zu beschreiben versuche und wofür Worte doch nicht reichen.

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Die nächsten zwei Stunden vergingen mit einem Spaziergang am Strand. Das Wort „lang“ kann ich an dieser Stelle eher nicht zum Einsatz bringen. Über ein paar hundert Meter kamen wir nicht hinaus. Die Kinder sammelten jedoch Muscheln und hübsche Steine. Mein Däne und ich nahmen uns an der Hand und ließen die Landschaft und das Geräusch der Wellen auf uns wirken. Alle waren glücklich.

Nach geraumer Zeit wurde insbesondere meinem angeschlagenen Mann kalt. Mit Engelszungen konnten wir die Kinder dazu bewegen, wieder zum Haus zurück zu gehen. Wir fuhren nach Hvide Sande und deckten uns mit leckeren Lebensmitteln sowie mit Holz ein.

Das Ferienhaus hat wie die meisten Häuser in dieser Gegend einen Holzofen. Ferienhäuser ohne Kamin oder Ofen finde ich doch immer etwas unterkühlt. Besonders neuere Ferienhäuser mit modernen Fußbodenheizungsanlagen, großem Wohn- und Essbereich und riesigen Fensterpartien sind nicht mal eben im Winter auf eine gemütliche Temperatur hochzuheizen. Außer mit einem Kamin oder Holzofen.

Als wir auf der Rückfahrt zum Haus den Fjord sehen konnten, krähte unser Sohn: „Mama, stor vandpüüüüüüüüüüt!“
Stor vandpyt = große Wasserpfütze!
Auch eine passende Bezeichnung für den Ringkøbing Fjord 🙂

Um die Mittagszeit gelang es mir, innerhalb einer Rekordzeit von fünf Minuten meinen Sohn zu seinem Mittagsschlaf zu überreden. Die frische Seeluft tat ihren Dienst. Mich selbst überzeugte ich gleich mit. Was auch ohne Seeluft problemlos geklappt hätte. Selig schlummerten wir zweieinhalb Stunden zusammen.

Nach dem Mittagsschlaf beschloss ich, den Nachmittag mit ein bisschen Wellness abzurunden. Das Badezimmer von Haus #3490 ist ein Traum. Großzügig angelegt, gepflegt, sauber, mit viel Schrankplatz und Ablageflächen, so dass es auch nach dem Einräumen von all den Beauty- und Wickelutensilien einer vierköpfigen Kleinkindfamilie immer noch ordentlich aussieht. Genau das Richtige für mich als Ordnungsfanatikerin.

Mein Mann hatte den Wellness-Bereich des Hauses schon morgens ein wenig eingeweiht.

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Der Eigentümer hat auch für nette Dekoration gesorgt. Wellness für Körper, Seele und auch fürs Auge 🙂

Interessiert las ich die  Anweisungen der Infrarotsauna. Diese funktioniert anders als eine traditionelle Sauna. Ich schaltete die Sauna an, die schon wenige Minuten später für die Nutzung bereit stand. Dem Anweisungsschild entnahm ich, dass eine Dusche oder ein Bad vor der Infrarotsauna ideal seien. Im Hinblick auf meinen Dänen, der in der Küche gerade Pfannkuchen briet, entschied ich mich für die kurze Version und betrat die Dusche. Ich drehte das warme Wasser auf und seufzte genüsslich.

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Mein langersehntes Wellness-Erlebnis begann. Ich schickte ein kleines Dankesgebet gen Himmel. Gleich danach noch eins gen DanWest. Gleich würde sich ein weiteres Stück Alltagsstress auf den Weg machen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

In diesem Moment erklang ein ohrenbetäubender Piepton. Verflucht!! Was war das? Ich drehte das Wasser wieder ab. Notdürftig ein Handtuch um den Körper geschlungen öffnete ich die Tür zum Wohnzimmer. Rauchgeruch trat mir entgegen. Mein Mann hatte bereits Türen und Fenster weit geöffnet. Der Rauchmelder piepste noch eine weitere Minute und verstummte dann wieder. Der Kamin hatte scheinbar aus dem Nichts heraus begonnen zu rußen.

Nach einer ähnlichen Episode fünf Minuten später durchschauten wir die Problematik: Mein Mann hatte die Dunstabzugshaube angeschaltet. Dies sorgt bei einem so abgedichteten, neuen Haus offenbar für Unterdruck und kann unter Umständen Luft aus dem Kamin ziehen. Wir öffneten ein Fenster in der Nähe der Abzugshaube und daraufhin rauchte der Kamin wieder ordentlich durch den Schornstein. Der Rauchmelder blieb still. Die Feinheiten in einem fremden Haus müssen eben erst einmal kennengelernt werden.

Frohen Mutes setzte ich mein Wellness-Event fort. Nach einer heißen Dusche räkelte ich mich auf meinem Handtuch in der Sauna und genoss die wohlige Wärme. Infrarot ist eine mildere Form des Saunierens und sehr angenehm. Das erwähnte Stück Alltagsstress verschwand wie geplant auf Nimmerwiedersehen. Die einzige „Störung“ bestand dieses Mal lediglich in meiner Tochter, die plötzlich strahlend vor der Sauna stand und laut rief: „MAMA, HYGGER DU?“

Absolut! Jeg hygger vildt meget! Ich mache es mir extrem gemütlich!

Nach dem heutigen Sorgen abladen am Strand, der frischen Seeluft, den zwei Stunden Mittagsschlaf mit meinem kleinen Sohn, einer heißen Dusche, der Sauna, leckeren Pfannkuchen sowie der Aussicht auf ein Glas Rosé später, wenn die Kinder im Bett sind, ist der Plan „Stress down“ definitiv aufgegangen!

Für heute Nacht sind plötzlich starke Regenfälle vorhergesagt, gefolgt von heftigem Wind morgen früh. Von diesem Ausmaß an Niederschlag und Windgeschwindigkeit war in meinen beiden Wetterberichtsbildchen vor dem Urlaub keinerlei Rede gewesen….Typisch Dänemark.
Fortsetzung:
Urlaub an der dänischen Westküste: Hvide Sande Hafen

 

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9 Kommentare zu “Urlaub an der dänischen Westküste: Stress down!”

  1. Schlüssel alle abgezogen. Kaminabzug im Griff. Man kann gespannt sein, was morgen „trotzdem“ passieren wird.
    Ich beneide dich ein bisschen um den Regen und mittleren Nordseesturm. Noch viel Spaß dabei.

    1. Hallo Papa,
      wie Du siehst, ist so viel nicht mehr passiert an Hindernissen.
      Außer vielleicht noch meine Halsschmerzen…

      Aber wir hatten eine tolle und erlebnisreiche Woche!
      Es hätte noch ein bisschen regnerischer und nebliger und stürmischer sein können 🙂 Aber ich will nicht klagen.
      Wo die Liebe für dieses Wetter herkommt, weißt Du ja.

      Wir freuen uns auf Euren Besuch.
      Liebe Grüße
      von den 4 Nordlichtern

  2. herrlich! die beschreibung vom ersten schritt über die düne trifft es zu 100%. geht mir jedes mal genauso. wir urlauben seit drei jahren in skodjerge und es ist für mich die schönste, sorgenfreieste zeit des jahres.

    1. Ja, Yvonne, ich finde aber, es ist wirklich schwer, dieses Erstgefühl zu umschreiben. Man muss es wirklich mal erlebt haben. Ob jemand, der es nicht kennt, es bei meinen Worten nachvollziehen kann? Ich glaube nicht.
      Meer und Küste haben diese spezielle Wirkung.
      Manch anderer hat sie vielleicht eher beim Anblick von Bergen.
      LG
      mary

  3. Also hier bekommt die Bezeichnung Stress-down aber noch mal eine ganz andere Bedeutung, liebe Mary! 😉
    Mit euch wird es nicht langweilig!
    Viele liebe Grüße, Emily

    1. Liebe Emily,
      jetzt endlich mal eine Antwort 🙂
      Nein, bei uns wird es nie langweilig. Was gut ist für den Blog 🙂

      Und wir haben tatsächlich ganz viel Stress an der dänischen Westküste gelassen.

      Liebe Grüße aus dem trüben Norden zu Dir,
      ich muss unbedingt mal wieder in Muße in Deinem Blog stöbern, der ist für mich auch ein echter Stress-Down-Faktor.

      Mary

      1. Das hast du aber lieb gesagt ❤ Dankeschön!

        Liebe Mary, lass' es nur langsam angehen und genieße die Ruhe, die ein trübes Wetter (hoffentlich) auch mit sich bringt!

        Ganz doll liebe Grüße, Emily

  4. Das Gefühl beim ersten Blick über die Düne kann ich echt nachvollziehen 🙂 Bei mir ist es so, wenn ich das Ortseingansschild von Vejers sehe. Da fällt plötzlich von jetzt auf gleich der Alltag von mir ab und es ist ein Gefühl von zu Hause sein da. Ich liebe diesen kleinen Ort einfach und mein Traum wäre es, einmal über Weihnachten und Sylvester dort zu sein 🙂
    Liebe Grüße, Svenja

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