Müde Beine und lange Arme

Das straffe Programm forderte seinen Tribut. Seit meinem Umzug nach Dänemark waren wir ausschließlich mit Putzen, Einrichten, Aussortieren und Umzugsarbeiten in den beiden Wohnungen beschäftigt. Wir waren mittlerweile beide gereizt und genervt. Da für mich auch schon das halbe Jahr vor der Auswanderung sehr anstrengend gewesen war, ging mir langsam die Puste aus.

Gleichzeitig waren wir mit all den notwendigen Erledigungen sehr weit gekommen und munterten uns gegenseitig immer wieder auf, dass es nicht mehr lange dauern könne bis zum gemütlichen gemeinsamen Dasein.

Zwischenzeitlich hingen in der neuen Wohnung auch endlich überall Lampen. Sehr von Vorteil in einer Jahreszeit, in der es mittags ab 16 Uhr schon dunkel wurde. Morgens wurde es erst ab 9 Uhr „hell“.  Hell hatte ohnehin eine neue Definition. Hell war sehr oft diesig und grau. Und meist auch ein bisschen nass.

Der ungewohnte Lichtmangel – in Kombination mit dem vorangegangenen halben Jahr sowie dem straffen Programm seit meine Übersiedlung in die neue Heimat – machte mich sehr, sehr müde. Ich kam morgens kaum aus dem Bett, weil es so lange dunkel blieb. Und mit der Dämmerung ab 16 Uhr schaltete mein Körper auch schon wieder auf den „Nacht-Modus“ um.

Wir hängten eine Jalousie im Schlafzimmer auf. Für den Sommer, erklärte mein Däne, wenn um 5 Uhr morgens die Sonne ins Zimmer schiene. Tat sie das tatsächlich? Ich konnte mir das in diesem dunklen Land kaum vorstellen.

In meinem neuen Reich fühlte ich mich jedoch mit jedem Tag wohler. Mittlerweile hing auch der im Handgepäck eingeflogene Bilderrahmen an der Wand, den mir meine Familie zum Abschied gebastelt hatte. Aus Deutschland hatte ich viele Fotos von meiner Familie und meinen Freunden mitgebracht. Aus diesen Fotos fügte ich eine riesige Collage zusammen und hängte diese ebenfalls auf. Auf diese Weise waren meine alte und neue Heimat miteinander verknüpft.

Auch in der zweiten Woche in Dänemark verspürte ich kein Heimweh. Hin und wieder dachte ich kurz über die Heimat nach, war aber zu müde oder zu beschäftigt, um die Gedanken zu vertiefen. Mir war allerdings klar, dass sicherlich noch andere Phasen kommen würden…

Meine Erledigungen in der Stadt und die Einkäufe musste ich zu Fuß zurücklegen. Ich legte in meinen ersten zwei Wochen im Ausland Strecken zu Fuß zurück, die ich in Deutschland nicht in zwei Monaten zusammengebracht hatte. In Deutschland hatte ich fast alles mit dem Auto erledigt. Auch für kurze Wege war ich aus reiner Bequemlichkeit ins Auto gestiegen.

In Lyngby hatten wir jedoch kein Auto. Und gingen eben überallhin zu Fuß. Das war neu für mich. Bis zum nächsten Supermarkt, an den S-Bahnhof oder in die gemütliche Innenstadt Lyngbys musste ich bei zügigem Gang eine gute Viertelstunde einplanen. Jede noch so kleine Erledigung dauerte darum mindestens eine Dreiviertelstunde. Sämtliche Einkaufe mussten wir mit langen Armen nach Hause schleppen und in den 3. Stock hinauftragen.

In Deutschland hatte ich literweise Mineralwasser getrunken, das ich einmal im Monat mit dem Auto direkt vor die Wohnung gekarrt hatte. Nachdem ich mühsam einige Flaschen zu Fuß den ganzen Weg von Lyngby bis in die Wohnung geschleppt hatte, und nur zwei Tage später dennoch schon wieder kein Mineralwasser im Hause war, versuchte ich, auf Leitungswasser umzusteigen. Die meisten Dänen tranken ihr Wasser direkt aus dem Wasserhahn. Mir gelang diese Umstellung jedoch nur begrenzt.

Die Lauferei begann, mich zu nerven. Ich musste unbedingt mobiler werden. Ich brauchte ein Fortbewegungsmittel. In Deutschland stand mein Auto in seiner Garage und wartete darauf, ob die Auswanderung auf Probe funktionierte oder nicht. Ein Auto war für eine Vorstadtgegend wie Lyngby mit Anbindung an das sehr gute öffentliche Verkehrsnetz im Großraum Kopenhagen jedoch nicht nötig. Aufgrund der eher spärlich vorhandenen Parkplätze stellte es sogar eher ein Hindernis dar.

Nichtsdestotrotz konnte es mit der Schlepperei so nicht weitergehen. Ich brauchte ein Fahrrad! Mit einer maximalen Anzahl an Fahrradkörbchen und Stauraum für die unzähligen Einkaufstüten und Mineralwasserflaschen, die ich für ein glückliches Leben in Dänemark noch brauchen würde.

Ein günstiges Fahrrad musste her. Und das schnell!

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