Auf dem Weg zur „Privatperson“

Nur kurz nach dem Umzug in die neue Wohnung fand der Besichtigungstermin für den Verkauf der alten Wohnung statt. Mein Däne war – im Gegensatz zu mir – überzeugt, dass sich schnell ein Käufer finden würde. Und er behielt natürlich recht. Die Wohnung wurde über die Warteliste der Genossenschaft sofort verkauft.

Damit fiel ein großer Punkt auf unserer To-Do-Liste weg. Wir machten die Wohnung endgültig übergabefertig und waren zwei volle Tage mit dem Umzug des kleinen, völlig zugestellten Kellerraumes beschäftigt. Als wir die Schlüssel endlich an den neuen Wohnungsbesitzer übergeben hatten, atmeten wir beide auf.

Ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-Liste war ein Termin bei der Bank. Ich benötigte schnellstmöglich ein dänisches Konto, damit ich an meine Ersparnisse in Deutschland herankommen konnte. Schließlich hatte ich ja Vater Staat in Dänemark „versprochen“, mich selbst zu finanzieren und ihm nicht auf der Tasche zu liegen.

Ich bekam bei der Hausbank meines Dänen einen Termin für ein Beratungsgespräch. Der junge Berater stellte sich mit Brian vor und duzte mich, wie das in Dänemark üblich war.

Mir gefiel auf Anhieb die lockere und nette Art der Dänen bei solchen Terminen. Die Distanz, die mit dem deutschen „Sie“ stets ganz unmerklich aufgebaut wurde, fiel mit dem Duzen komplett weg. Mit dem „Du“ und der direkten Ansprache mit Vornamen fühlte ich mich sehr nett behandelt und auf gleicher Ebene mit meinem Gegenüber. Ich empfand das überall gängige Duzen als sehr angenehm.

Der Bankberater und ich führten ein nettes Gespräch – zu meiner Erleichterung gleich auf Englisch. Ich legte meine geplanten Einkünfte aus dem Home-Office-Job dar. Brian eröffnete ein Konto für mich. Gleichzeitig hatte ich auch auf eine „Dankort“ zum Konto gehofft. Die Dankort war nämlich DAS Zahlungsmittel der Dänen schlechthin. Mit dieser konnte man in fast allen Geschäften bargeldlos zahlen. Im Supermarkt, in der IKEA, beim Bäcker, im Restaurant, Kino, Internet-Shops, überall.

Leider erhielt ich jedoch erst mal noch keine „Dankort“ von der Bank. Die Bank wollte sich erst einmal einige Monate lang meine Finanzen und Einkünfte aus Deutschland ansehen. Stattdessen bekam ich eine Bankkarte mit VISA Elektron. Mit dieser konnte ich am Automaten Bargeld abheben und in Geschäften zahlen, die VISA Elektron als Zahlungsmittel akzeptierten. Dies waren allerdings vergleichsweise nur wenige Geschäfte.

So würde ich wohl oder übel den ein oder anderen zusätzlichen Weg zum Bankautomat in Kauf nehmen müssen. Das vielgepriesene fast bargeldlose Bezahlungssystem in Dänemark würde noch ein Weilchen auf mich warten müssen. Ich würde mir jedoch das Vertrauen der Bank schon noch erarbeiten und sicher bald die „richtige“ dänische Karte erhalten.

Meine Vormittage verbrachte ich weiterhin an der Strippe mit der netten Kollegin aus Deutschland. Wir hatten einen guten, produktiven Rhythmus gefunden. Ich telefonierte täglich dreieinhalb Stunden am Stück. An ein Headset hatte ich vor meiner Auswanderung natürlich nicht gedacht. Darum musste ich das Telefon dreieinhalb Stunden in der Hand halten. Dies wurde von Tag zu Tag unbequemer. Die ersten Nackenschmerzen stellten sich bereits ein. Eines Tages setzte ich mir kurzerhand meine Wollmütze auf und steckte das Telefon in die Mütze neben das Ohr. Mit diesem kreativen Headset ließ es sich gleich viel besser arbeiten. Nur bewegen durfte ich mich nicht, denn sonst wurde es sehr, sehr warm unter der Mütze…

Legte ich nach der Vormittagsstandleitung Kopenhagen-Mannheim den Hörer auf, dachte ich bis zum nächsten Morgen kaum noch an meinen Job. Den Rest des Tages lebte ich ganz in meiner neuen Welt. Erstmals gelang es mir – dank der räumlichen Distanz von fast 1000 Kilometern – nach „Feierabend“ von meinen unendlichen Zahlen und Deadlines abzuschalten. Stück für Stück gab ich die Verantwortung ab. Und fühlte mich schon viel freier.

Die Veränderungen hielt ich in meinem Tagebuch fest:
„Mit jedem weiteren Tag in Dänemark entwickle ich mich wieder zu einer „Privatperson“. Bald bin ich wieder einfach ich selbst!“

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2 Kommentare zu “Auf dem Weg zur „Privatperson“”

  1. wie sieht es aus enn ich einen dänischen Arbeitsvertrag habe? Bekomme ich dann auch nur eine normale Bankkarte?

    1. Das weiß ich nicht, vielleicht gibt Dir die Bank auch gleich eine Dankort. Meine wollte damals erst mal testen, wie vertrauenswürdig ich bin bzw. wie zuverlässig mein deutsches Gehalt reinkommt die ersten Monate.

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