800 dänische Kronen – Ein IKEA-Abenteuer

Jedes Jahr, pünktlich zur Weihnachtszeit, überfällt mich ein akuter Anfall weiblichen Nestbautriebs. Es beginnt damit, dass mir ganz plötzlich Einrichtungsdefizite auffallen, die ich aus unerklärlichen Gründen im zurückliegenden Jahr übersehen haben muss. An diese Phase schließen sich kreative Ideen zur Beseitigung dieser Defizite an, sowie nachgelagert das dringende Bedürfnis nach neuen Möbelstücken. Höhepunkt des Anfalls ist schließlich ein Besuch bei IKEA.

So auch dieses Jahr. Kurz nach dem Weihnachtsfest fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Unser Schlafzimmer und die Kinderzimmer mussten dringend optimiert werden. Keinen Tag länger konnten wir so leben! Glücklicherweise ließ mich meine Kreativität auch dieses Jahr nicht im Stich: Schon wenige Stunden später meldeten sich grandiose Einfälle an, wie sich alle drei Zimmer auf einfache Weise in perfekte Räumlichkeiten wandeln ließen. Es fehlten lediglich ein Hochbett inklusive Zubehör, ein kleiner Tisch mit zwei kleinen Stühlen und ein neuer Schreibtisch für die Verfasserin dieser Geschichte. Ein kurzer Besuch im Internet bestätigte meine Vermutung: IKEA hatte alles, was zu meinem Nestbau-Glück fehlte. Nun musste ich nur noch mein Mann von meinem kleinen Projekt überzeugen.

Nun habe ich das Glück, an einen Mann geraten zu sein, der längst eingesehen hat: Es ist für alle Beteiligten das Beste, wenn er meinen spontanen Umgestaltungsplänen zügig folgt. Jedoch gibt es an dieser Stelle eine ganz persönliche Herausforderung für ihn: Der IKEA-Besuch. Denn bei meinem Mann verhält es sich wie bei den meisten männlichen Bewohnern dieses Planeten: Die ersten Stresssymptome treten bereits auf, wenn er die riesige Drehtür des Möbelriesen betritt.

Forschungen der neueren Zeit zeigen, dass der Adrenalinspiegel eines männlichen Besuchers bei IKEA signifikant ansteigt, im Gegensatz zu den weiblichen Besucherinnen. Bei diesen steigen eher die Endorphine.

In diesem Zusammenhang habe ich auf der dänischen IKEA-Homepage eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: IKEA Dänemark bietet seit neuestem einen WEBSHOP an! Möbel und Wohn-Accessoires lassen sich auf diese Weise bequem vom Sofa aus nach Hause bestellen! Vorbei die Zeiten, in denen der liebe Ehemann mit verkniffenem Mund und Schweißtropfen auf der Stirn an der Kasse steht und leise vor sich hinflucht. Vorbei die Zeiten mit dem Gequengel der Kinder, die noch zu klein dafür sind, um im Bällebad abgegeben zu werden. Schluss mit dem spätestens auf der Heimfahrt unweigerlich folgenden stressbedingten Ehekrach.

Ein IKEA-Webshop! Aus meiner Sicht eine friedensnobelpreisverdächtige Erfindung.

Mit einem Strahlen im Gesicht erzählte ich meinem Mann diese fantastische Neuigkeit. Dieser hörte sich meine Worte an und fragte nüchtern: “Und was kostet die Lieferung?”

Kosten? Ich riss die Augen auf. Was spielte Geld für eine Rolle, wenn sich damit ein familiärer Tiefpunkt vermeiden ließ? Mürrisch setzte ich mich an den Computer und begann, die Artikelnummern der 11 Produkte einzutippen, die wir dringend benötigten. Kurz darauf spuckte der Webshop die Lieferinformationen aus:

Kosten: 800 Kronen (107 Euro). Lieferzeit: eine Woche.

Meines Erachtens ein kleiner Preis für die Wahrung des Familienfriedens. Ich präsentierte meinem lieben Dänen die Informationen, woraufhin dieser energisch den Kopf schüttelte.

“Wir mieten einen Anhänger und holen die Sachen selbst”, sagte er.

“Und die Kinder?”, warf ich ein, überfordert vom Gedanken, in der Gesellschaft einer missmutigen besseren Hälfte und zweier Kleinkinder nicht weniger als 11 Artikel aus dem IKEA-Lager sowohl zusammenzuklauben als auch nach Hause zu transportieren.

“Die sind mittlerweile alt genug”, erwiderte mein Mann ungerührt. Damit war das Thema für ihn beendet. Er versprach mir noch hoch und heilig, sich dieses Mal nicht vom IKEA-Ambiente stressen zu lassen. Mit gemischten Gefühlen willigte ich schließlich in seinen Plan ein.

Am nächsten Tag war es soweit!

Um den zu erwartenden nachweihnachtlichen Ansturm zu umgehen, wollten wir so früh als möglich aufbrechen. Wir packten unseren Nachwuchs, eine Wickeltasche, zwei Trinkflaschen, Obst und Snacks ins Auto und fuhren zur nächsten Tankstelle, wo wir den größten Anhänger mieteten. Für 115 Kronen (15 Euro) und vier Stunden. Ein Spottpreis, lobten wir uns selbst und rechneten im Geiste bereits aus, wieviele Kronen wir in den nächsten vier Stunden sparen würden.

Es hatte über Nacht geschneit, wir kamen mit dem Anhänger nur langsam voran. Nichtsdestotrotz betraten wir nur zehn Minuten, nachdem IKEA die Toren geöffnet hatte, die gelbe Drehtür. Misstrauisch warf ich meinem Mann einen Blick zu. Er lächelte entspannt. Ich zog einen riesigen Zettel mit 11 Artikelnummern aus meiner Handtasche. Voller Elan stürzten wir uns ins Getümmel.

Eineinhalb Stunden, 17 Abteilungen, drei ausverkaufte Artikel sowie drei Umdisponierungen später schoben wir zwei vollbepackte Einkaufswägen in den Kassenbereich. Menschenmassen strömten in das Gebäude, als gäbe es etwas umsonst. Die Stimmung der Kinder sank endgültig auf den Nullpunkt, sie begannen zu quengeln. Das Bestechungsmaterial war längst aufgegessen. Unser Sohn, im schönsten Trotzalter, warf sich auf den Boden und streikte. Meinem Dänen traten beim Anblick der Schlangen vor den Kassen Schweißperlen auf die Stirn. Leise fluchte er vor sich hin. Ich warf ihm einen strengen Blick zu. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem angestrengten Lächeln. In meinem Kopf formte sich ein Gedanke.

800 Kronen! Sofa.

Mit Mühe und Not schafften wir es bis zur Kasse, nachdem ich ein paar letzte Trauben aus der Wickeltasche herausgefischt hatte. Während mein Mann die Möbel wieder in die Einkaufswägen stapelte und dabei versuchte, die Kinder in Schach zu halten, zahlte ich. Die Kassendame drückte mir einen Abholzettel in die Hand. Ein Teil der Waren wurde in einem Nebenlager gepackt. Diese stünden in Kürze zur Abholung bereit, gleich rechts neben dem Ausgang, im Lieferungs- und Abholcenter. Das Lächeln meines Mannes gefror zu einer Grimasse. Ich konnte es mir nicht verkneifen und sagte:

“Du erinnerst Dich, Schatz. 800 Kronen!”

Ein eisiger Blick war die Antwort.

Wenige Minuten später standen wir in der Warteschlange vor dem Liefer- und Abholcenter. Die abholbereiten Auftragsnummern erschienen auf einem Bildschirm über der Servicetheke. Unsere war nicht dabei. Ich entdeckte einen freien Platz in der Ecke des Warteraumes und lenkte zwei sperrige Einkaufswägen, zwei widerwillige Kleinkinder sowie einen missmutigen Ehemann in diese Richtung. Meinem Mann erteilte ich die Anweisung, nebenan im IKEA-Imbiss vier Würstchen zu holen. Nach einer kurzen Diskussion über die Notwendigkeit dieser Maßnahme zwängte er sich durch den Warteraum. Zehn Minuten später kam er zurück, in der Hand drei Würstchen mit Brötchen. Auf meine Frage nach dem vierten Würstchen zuckte er die Achseln. Ich schwieg und zerteilte ein Würstchen in zwei Hälften. Die kluge Ehefrau weiß, wann es besser ist zu schweigen.

Mit Engelsgeduld half ich meinen Kindern dabei, Würstchen in Ketchup und Senf zu tunken, ohne die wartenden Menschen um uns herum mit gelben und roten Pünktchen zu benetzen. Nach unserer kleinen Mahlzeit wurden die Kinder müde, sie zappelten auf ihren Stühlen. Der Kleine brauchte dringend seinen Mittagsschlaf. Das Gequengele drohte, außer Kontrolle zu geraten. Ich sah mich um. Mein Mann und ich, mit zwei tickenden Zeitbomben in einem engen, stickigen Raum voller Menschen eingepfercht, zwei riesige Möbelwägen neben uns… Mir brach ebenfalls der Schweiß aus.

800 Kronen…

Plötzlich flimmerte unsere Auftragsnummer über den Bildschirm. Erleichtert stürzte ich zur Theke und wedelte mit meiner Quittung. Kurz darauf türmten wir die letzten Möbelstücke auf die vollbepackten Wägen und bugsierten unser neues Hab und Gut durch die Menschenmassen, hin zum Parkhaus. Die Kinder weinten, Autos hupten. Um stoische Ruhe bemüht kämpften wir uns zu unserem Auto durch. Wir parkten die Einkaufswägen vor dem Anhänger. Das Geheule der Kinder hallte von den Wänden des engen Parkhauses wieder. Ich schob die Kinder zur Autotür, bemüht, keine Kratzer in den dicht an dicht parkenden Autos zu verursachen. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte ich, nicht an die Zahl “800” zu denken.

Fast hatten wir es geschafft! Wenige Minuten und wir würden der Möbelhölle entfliehen. Mit vor Anspannung bebenden Fingern kramte ich den Schlüssel aus der Handtasche und schloss das Auto auf. Plötzlich hielt ich inne. Irgendwas stimmte nicht. Ich ließ die zeternden Kinder stehen und betrachtete das Auto genauer. Ein entsetzter Laut entfuhr meinem Munde, ich schlug die Hand vor den Mund. Die Kinder verstummten. Mein Mann stürzte zu mir und starrte mich fragend an. Ich deutete auf einen Autoreifen. Das Auto stand schräg, ruhte vorne rechts nur noch auf der Felge. Wir hatten einen Platten!

Fassungslos starrten wir auf die Misere. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit im Leben, sich nach einem anstrengenden Möbeleinkauf mit letzter Kraft zum Auto zu schleppen, zwei hundemüde Kinder und zwei rollende Möbeltürme im Schlepptau, um exakt zu diesem Zeitpunkt einen platten Autoreifen vorzufinden? Wahrscheinlich null!

Doch das Leben hält sich nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf. Wenn es Lust auf Chaos hat, dann gibt es Chaos. Ich nagte an der Unterlippe. 800 Kronen. Was für ein Schnäppchen! Mein Mann seufzte. In einvernehmlichem Schweigen stellten wir uns der Situation. Ich schnallte zuerst das eine, dann das andere Kind in den Autositz. Das ohrenbetäubende Protestgeschrei stoppte ich mit einem Schnuller, einem abgewetzten Kuscheltier sowie dem scharfen Befehl, SOFORT still zu sein und einzuschlafen. Es funktionierte, zwei Minuten später schliefen beide tief und fest.

Mein Mann öffnete den Kofferraum und zog ein (Gott sei Dank) tadelloses Ersatzrad, Wagenheber und Werkzeug hervor. Trotz äußerst beengter Platzverhältnisse gelang es ihm, ohne weitere Komplikationen den Reifen zu wechseln. Der liebe Gott schien ein Einsehen mit uns zu haben. Als das Auto wieder fahrtüchtig war, verstauten wir Werkzeuge und den platten Reifen im Kofferraum. Wir verfrachteten die Möbeltürme in den Anhänger und fuhren schließlich aus dem Parhaus, ohne auf weitere Hindernisse zu treffen.

Unsere stark erhöhten Adrenalinspiegel entluden sich auf dem Heimweg in Form eines Ehekrachs. Beim Thema Möbelerwerb geht es wohl einfach nicht ohne.

Dafür sorgt schon das Schicksal!

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Quelle Beitragsbild: http://www.bse.com.au

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6 Kommentare zu “800 dänische Kronen – Ein IKEA-Abenteuer”

  1. Kenne ich, aber nicht mit IKEA, sondern vom Kleiderkauf. Kaum hatten wir das Geschäft meiner Wünsche betreten, wurde mein Mann quittegelb im Gesicht und jammerte nach einem Stuhl, ihm sei schlecht.

    Erstes Modell vorgeführt, Antwort „Ist gut, kauf es!“. Das ging mir zu schnell, also zweites Modell angezogen… „Oh Gott, dann nimm halt alle beide“…
    Nein, ich habe ganz schnell darauf verzichtet, meinen Mann mitzunehmen. Wobei… beim Möbelkauf ist es natürlich schwierig, so ganz alleine zurecht zu kommen, als Frau.

    Vielleicht beim nächsten Mal den Mann bei den Kindern lassen und die Freundin mitnehmen. Das könnte doch ein guter Vorschlag sein – oder?

    1. Hallo Sigrid,
      der erhöhte Adrenalinspiegel der Männer scheint nicht nur beim Möbelkauf zu entstehen…
      In der jüngeren Generation ist es ein bisschen besser, aber da steckt noch viel Arbeit drin 🙂
      Beim Möbelkauf finde ich es schwierig, die bessere Hälfte nicht einzubeziehen.
      Erstens sind Männer einfach stärker als wir Damen und zweitens soll er ja ein klein wenig mitreden dürfen, was ich alles anzuschaffen gedenke.
      Aber wenn ich so shoppen gehe, dann auch gerne mit weiblicher Begleitung.
      Schöne Grüße
      Mary

    1. …. gute Frage, Ralf –
      da gäbe es jetzt viele Berechnungswege.
      800 Kronen minus 125?
      Dann noch Benzin ab und Arbeitszeit.
      Und wenn man dann noch die Nerven und den Ehekrach abzieht…. 🙂
      Aber gut, ohne die IKEA-Tour gäbe es diese Geschichte nicht, das muss man dann wieder als Plus addieren 🙂
      Grüße
      Mary

  2. So schön geschrieben….:-))
    Aber tröste dich, auch der Ikea-Lieferservice kann Nerven kosten, zumindest in Deutschland. Mangels transportwilligen Mannes bestellte ich kurzerhand ein Regal und ein Bett. Ich musste hier drei mal auf die Anlieferung warten. Das nervt auch……….
    LG Petra

    1. Hallo Petra,
      das tröstet mich tatsächlich.
      3 mal Warten und sich hierfür vielleicht sogar noch extra Zeit freischaufeln müssen, das wäre für uns hier oben allerdings auch eine organisatorische Katastrophe.
      Nun ja, hauptsache es ist alles da (hoffentlich bei Euch mittlerweile auch), und dann vergessen wir das Ganze, bis zum nächsten Mal 🙂
      Mary

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