Kindermund – Dänemark ist ein flaches Land!

Meine bessere Hälfte hat wieder einen Job. Mit der Folge, dass die frühmorgendliche Kinderbetreuung in meinen Verantwortungsbereich fällt. Insbesondere die Ablieferung unseres Nachwuchses in den Kindergarten. Im Optimalfall sollte ich nach diesem Dienst auch noch pünktlich bei meinem neuen Job erscheinen. Soweit zur Theorie!

Für die Fahrt zur Arbeit lasse ich aus stau- und verkehrstechnischen Gründen das Auto mittlerweile wieder stehen. Wie ein Großteil der Dänen im Kopenhagener Raum bin ich auf S-Bahn plus Fahrrad umgestiegen: Ich nehme das Rad mit in die S-Bahn, pendele in den Kopenhagener Vorort Skovlunde und radle von dort in das Gewerbegebiet, in dem meine Firma liegt. Damit dieser Pendelplan auch künftig aufgeht, muss ich die Kinder mit dem Fahrradanhänger in ihrem Kindergarten abliefern und danach zur S-Bahn-Station radeln.

Heute früh scheuchte ich daher zwei kleine Menschen aus dem Bett, sorgte dafür, dass sie etwas Nahrhaftes im Magen hatten und einigermaßen sauber angezogen sowie gewaschen waren. Daraufhin packte ich sie in wetterfeste Klamotten und schob sie mitsamt Gepäck vor die Haustür.

Wir waren besonders früh dran, da ich an der Reihe war, in der Firma ein Frühstück auszurichten. Ich schleppte meine Handtasche, eine Kindergartentasche mit Pausenbroten und Obstmahlzeiten, eine zweite Kindergartentasche mit Regen- und Thermoklamotten sowie eine Tasche mit Butter, Käse und Aufschnitt für das Firmenfrühstück in Richtung Fahrradanhänger. Dort verteilte ich Kinder und einen Teil des Gepäcks geschickt im Fahrradanhänger und drapierte die übriggebliebenen Gepäckstücke ums Fahrrad herum.

Danach setzte ich mich aufs Fahrrad. Im Schneckentempo machten wir uns auf den Weg.

Es heißt, Dänemark sei ein flaches Land. Nicht so in unserem Wohnort. Nur wenige Meter von unserem Haus entfernt beginnt ein kleiner Hügel, den wir auf dem Weg zum Kindergarten bezwingen müssen. Ein Fahrradanhänger mit 30 Kilogramm Kindern plus Zusatzgepäck machen aus dem Hügel einen steilen Berg.

Voller Elan radelte ich auf den Anstieg zu. Nach den ersten 10 Metern wurden meine Beine müde. Ich schaltete einen Gang herunter. Mit den Kindern hatte ich die Abmachung getroffen, dass sie mich anfeuern. Diesen Joker wollte ich mir jedoch noch ein wenig aufheben. Ich biss die Zähne zusammen und strampelte weiter.

10 Meter später schaltete ich noch einen Gang herunter. Mein Atem ging schneller. Die Beine brannten. Fahrradanhänger und Inhalt schienen 150 Kilogramm zu wiegen. Ich schielte zur Gangschaltung und versuchte, mich über die vorhandenen 7 Gänge zu freuen. Immerhin hatte ich bis vor wenigen Wochen nur ein Fahrrad mit 3 Gängen besessen.

10 Meter später fragte ich mich, wieso ich mir kein Fahrrad mit 93 Gängen zugelegt hatte. Ich beschloss umgehend, den Joker einzusetzen.

„Anfeuern“, keuchte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Kinder schienen auf das Kommando nur gewartet zu haben.

„Mamaaaaaaaaa!“, brüllten sie voller Enthusiasmus und weckten damit die ganze Nachbarschaft. Es war ohnehin 7.05 Uhr. Zeit zum Aufstehen für die zahlreichen Rentner in unserem gemütlichen Wohnviertel.

„Du schaffst eeeeeeeeeeees! Komm schon, Mama!“, erklang die  glockenhelle Stimme meiner kleinen Tochter.
„Kom nu, kom nu!“, lautete die dänische Variante ihres kleinen Bruders.

Die nächsten 10 Meter des Himalaya-Anstiegs verliefen dank dieser Unterstützung einfacher.

Kurz darauf schickten sich meine Beine an, ihren Dienst zu versagen. Schweißperlen erschienen auf meiner Stirn. Auf keinen Fall vor der Arbeit schon schwitzen, sagte ich mir im Geiste und versuchte mich zu beherrschen. Für Wechselklamotten wäre im Fahrradanhänger wirklich kein Platz mehr.

Ich warf einen Blick nach vorne. Noch 30 Meter und wir hatten es geschafft.

„Anfeuern!!!!“, schrie ich verzweifelt. Sicherlich war es erlaubt, diesen Joker zweimal einzusetzen. Meine wohlerzogenen Kinder reagierten sofort mit der gewünschten Motivation. Nun war garantiert jeder Rentner in unserem näheren und weiteren Umfeld wach. Gut so. Der Tag war längst angebrochen. Morgenstund´ hat Gold im Mund.

Noch 20 Meter.

Könnten Beinmuskeln schreien, hätten sie spätestens an dieser Stelle damit begonnen.

Ich verfluchte das ach so flache Dänemark.

Noch 10 Meter.

Ich verfluchte die fehlenden 86 Gänge und warf den Insassen des entgegenkommenden Fahrzeugs einen tödlichen Blick zu.

Noch 5 Meter.

Ich würde es schaffen! Ein stolzes Gefühl machte sich in mir breit. Nicht jeder fuhr bei Wind und Wetter mit Fahrrad, Anhänger, 30 Kilogramm Kindern mitsamt Gepäck und Firmenfrühstück durch die Gegend. Was war ich doch für ein zähes Persönchen!

Mit diesen Gedanken fuhr ich ins Ziel ein. Schweratmend wischte ich mir den Schweiß aus den Augen. Zum Glück lag in meiner Schreibtischschublade auf der Arbeit ein Deo.

Ich warf einen triumphierenden Blick über die Schulter. Die Kinder schwiegen. Langsam gewann ich wieder an Fahrt.

„Na, Ihr Zwei, habe ich das nicht gut geschafft?“, rief ich über meine Schulter. Fishing for compliments war in solchen Fällen wohl erlaubt.

„Jaja“, erwiderte meine Tochter mit gedehnter Stimme.

Es folgte eine kurze Pause.

„Aber Mama, morgen nehmen wir lieber das Auto!“

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8 Kommentare zu “Kindermund – Dänemark ist ein flaches Land!”

    1. Jaaaaa, Ulrike,
      ich muss gestehen, dass ich die letzten Tage die Kids mit dem Auto in Kiga/Kita gebracht habe.
      Ich war jedes Mal vollkommen gestresst und geschwitzt, als ich auf der (neuen) Arbeit auftauchte…
      Auch kein gutes Omen auf lange Sicht.
      Und der Winter hat nicht mal begonnen. .-)
      Ich pendele also immer noch mit S-Bahn und Fahrrad, aber die Kids transportiere ich mit dem Auto. Die sind sowas von schwer 🙂
      War aber ne gute Blog-Story 🙂
      Mary

    1. Ja, liebe Emily, er ist bis jetzt zufrieden.
      Ich hoffe, das bleibt so, denn es war ein bisschen Hin und Her die letzten Jahre, und es wäre schön, wir würden alle mal etwas länger zur Ruhe kommen.
      Schöne Grüße zu Dir
      Mary

      1. Das wünsche ich euch! Der Mensch sehnt sich nach Ruhe und Balance. Zwar halten wir Unruhe eine Weile lang aus, aber irgendwann ist es auch gut!

        Ganz liebe Sonntagsgrüße, Emily

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