Kindermund: Pulverfässe

In den Tiefen meines Blogs habe ich heute folgende kleine Geschichte entdeckt, die ich vor einem guten Jahr skizziert und abgespeichert, doch niemals fertiggeschrieben hatte:

Abendbrot mit der lieben Familie. Eine der größten nervlichen Herausforderungen des Tages für Eltern von Kleinkindern. Gott sei Dank geht es nicht mehr ganz so chaotisch zu wie noch zu diesen Zeiten, von einem ruhigen, gemütlichen Miteinander sind wir jedoch nach wie vor meilenweit entfernt. Mit angeschaltetem Multitasking-Modus höre ich meinen beiden Kindern sowie meinem Mann zu, die alle gleichzeitig um meine Aufmerksamkeit buhlen. Mein Sohn (2) steckt wie üblich Nudeln ins Wasserglas und rührt eifrig mit der Gabel darin herum. Mein Mann erzählt mir irgendetwas mysteriöses von seinem Arbeitstag und meine Tochter (4) lebt eine neue Phase aus: Die „Was passiert, wenn….“-Phase. Ein gestresstes Gefühl macht sich in mir breit.

„Mamaaaaaaaa?“

„Ja.“

„Was passiert, wenn man Nutella, Marmelade und Honig zusammen mit Butter auf ein Brot schmiert?“

Ich runzele die Stirn. „Das macht man ja gar nicht.“

„Doch, Mama. Wenn man es macht, was passiert dann?“

Ich überlege. „Es wird einem sicher schlecht.“

„Und was passiert, wenn man Grießbrei und Kartoffelbrei in einen Topf gibt, mit ganz viel Zimt und Zucker?“

Ich seufze.
„Nie ausprobiert, Schatz. Davon wird einem sicher auch schlecht.“

Meine Tochter ist noch lange nicht fertig, kann ich sehen. Ich verdrehe insgeheim die Augen.

„Und was passiert, wenn man ganz viel isst und isst, und immer weiter isst?“

Sohnemanns Glas fällt um und Nudeln schwimmen über den Tisch.

Gereizt antworte ich meiner Tochter: „Dann platzt man!“

Meine Tochter sieht mich mit großen Augen an und schweigt. Nachdem wir das Wasser und die Nudeln aufgesammelt haben, ist Ruhe am Tisch und alle essen mehr oder weniger gesittet. Ganz kurz grüble ich darüber nach, ob meine Antwort pädagogisch war. Wenig später werfe ich meine Bedenken zur Seite. Hauptsache, es funktioniert!

Wenige Tage später. Diesmal sitze ich alleine mit den Kindern am Frühstückstisch. Mein Mann ist bereits arbeiten. Das Frühstück ist die angenehmste gemeinsame Mahlzeit mit den Kindern, die im Normallfall noch schön verschlafen und ruhig am Tisch sitzen. Nicht jedoch an diesem Tag. Sohnemann hat eine Erkältung hinter sich und ist noch nicht 100%ig wieder hergestellt. Entsprechend der Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht ist das Leid noch groß, was er seinem Umfeld unmissverständlich zeigt. Seitdem er aus dem Bett gekrabbelt ist, wünscht sich der Rest der Familie inständig, er würde umgehend wieder zurückkrabbeln und sich die Decke über den Kopf ziehen.

Er bittet lautstark um ein Butterbrot mit Honig. Als er es vor sich hat, schreit er dennoch weiter. Er braucht schließlich ein Brot mit Marmelade und keines mit Honig. Das war gestern. Da die Situation äußerst angespannt ist und ich diese beiden wandelnden Pulverfässe in absehbarer Zeit irgendwie in die Kita bugsieren muss, um noch einigermaßen pünktlich zur Arbeit zu kommen, stelle ich ihm ein Marmeladenbrot hin. Der Kleine guckt mich wütend an. Er will doch Cornflakes! Seine Schwester schaut ihn interessiert an, woraufhin er unkontrolliert loskreischt und verkündet, dass er gefälligst nicht angesehen werden möchte. Und schon gar nicht von seiner Schwester. Ich rolle mit den Augen. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Mal wieder.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit Engelsgeduld kann ich ihn dazu bewegen, den ersten Bissen zu essen. Nahrungszufuhr kann solche Situationen innerhalb von Sekunden entschärfen. Sofern man das Kind trotz unterirdischer Laune zum Essen übereden kann. Bei Söhnchen scheint es dieses Mal zu funktionieren, seine Laune bessert sich ganz langsam.

Misstrauisch starre ich das kleine Pulverfass neben mir an. Ob sich diese morgendliche Katastrophe langsam einem Ende nähert, so dass ich bald ins normale Leben (= meine Arbeit) eintreten kann? Ich lasse etwas Luft zwischen den Zähnen entweichen und zwinge mich dazu, meine wie gewöhnlich vor Anspannung angezogenen Schultern etwas herabsinken zu lassen.

Da kreischt der Zwerg los. „Mama, Essen! DU!“

Ich seufze. Ich habe schon gefrühstückt und mich inmitten des zähen Zwergenkampfes schon längst im Bad fertig gemacht. Inklusive Zähne putzen. Freundlich lächelnd schüttele ich den Kopf und erkläre: „Nein, Schatz, ich habe schon gefrühstückt. Ich bin ganz vollgefuttert.“

Der Kleine verzieht das Gesicht und deutet gebieterisch auf die Tüte mit dem Brot, die auf dem Tisch steht. „Essen!“, wiederholt er und sieht mich trotzig an.

Die kleine Unterlippe beginnt zu zittern. Langsam holt er Luft, nimmt Anlauf. Ein neuer Vulkanausbruch droht. Mein Herz klopft schneller. Was für ein Stress am frühen Morgen. Was hat sich Mutter Natur bei diesen Szenen, die der Nachwuchsproduktion unweigerlich folgen, nur gedacht?

Da bricht sie auch schon los, die nächste Lärmhölle. Ist es nicht unglaublich, welches Pensum elterliche Ohren in den Kleinkindjahren bewältigen müssen? Meine eigenen Ohren haben ihre persönliche Grenze bereits mindestens fünffach überschritten. In meinen Schläfen pocht es, kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Schnell setze ich mich an den Tisch und ziehe die Brottüte zu mir. Mit flattrigen Fingern schmiere ich Butter auf ein Brot und beiße demonstrativ ein kleines Stück ab. Ich rümpfe die Nase, als sich frischer Zahnpastageschmack mit dem Butterbrot vermischt. Igitt.

Sohnemann verstummt abrupt und beißt zufrieden in sein Brot. Man kann nahezu mit ansehen, wie sich die Laune dank  steigendem Blutzuckerspiegel erholt. Stille senkt sich über den Tisch. Ich atme auf und kaue tapfer weiter.

Da fällt mein Blick auf meine Tochter. Wie zur Salzsäule erstarrt sitzt sie mir gegenüber, starrt mich mit verzerrtem Gesicht an. Fragend schaue ich sie an. Sie schlägt ihre Augen nieder und verfällt aus dem Nichts heraus in lautes Geheule. Meine Ohren sind unvorbereitet und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Verzweifelt sende ich einen Hilferuf in Richtung Himmel. Der kleine Bruder sitzt ebenfalls ganz erstarrt, das Honigbrot in der Hand. Sicher ist er überrascht darüber, dass ein anderes menschliches Wesen genauso viel Krach machen kann wie er selbst.

Das Weinen meiner Tochter geht in Schluchzen über. Nach einer Weile bringt sie zwischen den Schluchzern ein paar Worte hervor:

„Neeeeeeeein………… Mamaaaaaaa….. nicht essen……..!“

Ratlos blicke ich um mich. „Wieso denn das jetzt?“, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Nicht lange, und ich werde diesem Chaos einfach den Rücken kehren und meinen drängenden Fluchtimpulsen nachgeben.

Sie sieht mich aus tränenbeschweren Wimpern an und holt tief Luft.

„Du PLATZST ja bald!!“

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