13. Oktober – One way to Copenhagen!

Der große Tag war da: Heute Abend würde ich mein One-Way-Ticket nach Kopenhagen einlösen!

Ich war aufgeregt und abgeklärt zugleich. Den Tag verbrachte ich mit letzten Vorbereitungen und geriet sogar – trotz der guten Planung im Vorfeld – ins Schwitzen, um alles noch zu schaffen.

Schließlich war es soweit. Mein Vater holte mich ab, und fuhr mich mitsamt meinem Auswanderungsgepäck an den Frankfurter Flughafen.

Ursprünglich hatte ich geplant, dass eine Freundin den Transfer an den Flughafen übernehmen sollte. Ich wollte einem eventuellen Abschiedsschmerz am Flughafen am liebsten entgehen, und der Abschied von einer Freundin erschien mir leichter als der von meinem Vater. Die Vereinbarung mit meiner Freundin hatte auch bereits bestanden. Doch mein Vater bestand darauf, dass ER mich fahren wollte. Ganz egal, wie der Abschied aussehen würde. Meiner Freundin sagte ich daraufhin wieder ab und sie hatte natürlich Verständnis.

Am Flughafen wurde mein Gepäck gewogen: 4 Kilo Übergepäck.  Da ich auf keinen einzelnen Gegenstand aus meinem perfekt geplanten Auswanderungskoffer verzichten konnte und wollte, zückte mein Vater die Karte und zahlte die horrenden Mehrkosten für meine „Auswanderung mit leichtem Gepäck“. Nun musste ich lediglich mein ebenfalls voll ausgereiztes Handgepäck heil nach Kopenhagen bugsieren.

Unter anderem befand sich im Handgepäck auch meine Waage, eingewickelt in einen Badezimmerteppich. Und natürlich das Abschiedsgeschenk meiner Familie: einen großen, selbstgebastelten, dekorativen Bilderrahmen mit Fotos und einem leckeren Kochkäse-Rezept. So konnte ich ein Stück Heimat mit in die Fremde nehmen. Etwas später würde sich herausstellen, dass es in Dänemark keinen Harzer Handkäse gab und das Rezept somit hinfällig war 🙂 Aber soweit waren wir noch nicht.

Mein Vater und ich setzten uns in ein Café am Flughafen. Wir schlugen uns beide tapfer und führten gute Gespräche. Als der Abschied nicht länger hinausgezögert werden konnte, hatte mein Vater noch ein paar Worte auf dem Herzen, die er mir für meine große Reise mit auf den Weg geben wollte. Er legte mir nahe, dem Ganzen eine Chance geben und nicht so schnell die Flinte ins Korn zu werfen, wenn es mir in den ersten Monaten im Ausland mal schlecht ginge und wenn etwas nicht ganz auf Anhieb so klappte, wie ich es mir vorstellte. So eine Auswanderung sei schließlich nicht ohne, und ich müsse mich sicherlich auch durch einige Täler kämpfen.

Mit einem Ratschlag dieser Art hatte ich nicht gerechnet. Eher mit: „Wenn was ist, Kind, komm einfach zurück zu uns und alles wird wie früher!“ 😉 Denn ich wusste ja, wie schwer es meinem Vater fallen musste, mich ziehen zu lassen. Umso selbstloser fand ich seine Worte. Ich war gerührt.

Wir drückten uns noch ein letztes Mal ganz lange. Ich schluckte meine aufsteigende Panik und die  immer bereitstehenden Tränen hinunter. Wir tauschten ein letztes, schiefes Lächeln und versicherten uns, dass die zweieinhalb Monate bis Weihnachten unglaublich schnell vorbei waren.

Dann machte ich mich auf den Weg durch die Sicherheitskontrolle.
Meine Waage erregte zunächst Aufsehen, als das Sicherheitspersonal das gute Stück aus seiner Badezimmerteppich-Verpackung geschält hatte. Argwöhnisch schaute der Mann zuerst auf mich und dann auf die Waage. Mit seinen Fingern drückte er auf der Waage herum und versuchte, sie zu öffnen. Als sich herauskristallisierte, dass ich keine Bombe in der Waage deponiert hatte, musste ich begründen, wieso ich eine alte Waage nach Kopenhagen einflog.

Die analoge Waage hatte ich schon seit Jahren. Mit ihrer Hilfe kontrollierte ich schon seit Jahren mein Gewicht. Und die Waage war etwas ganz besonderes: Sie zeigte generell etwas weniger an als neuere digitale Waagen 😉 Daher hatte ich mir bis dato keine neue Waage gekauft. Der Herr an der Kontrolle zog die Augenbrauen hoch, packte die Waage wieder in den flauschigen Teppich ein und schüttelte den Kopf. Schließlich fand er noch eine kleine Schere in meinem Mäppchen mit den Stiften, dem Radiergummi und meinem Spitzer. Diese hatte ich völlig vergessen. Der Mann konfiszierte die Schere und ließ mich schließlich passieren. Der Rest meines Handgepäckes sowie ich selbst hatten nun die Einreiseerlaubnis nach Kopenhagen.

Die Wartezeit im Gate verlief schleppend. Der Uhrzeiger bewegte sich im Schneckentempo vorwärts. Meine Aufregung ließ langsam nach. Stattdessen wurde ich müde und schlapp. Die Erkältung machte sich wieder bemerkbar. Ich sehnte mich nach Ruhe und nach einem Bett. Doch darauf würde ich noch etwas warten müssen.

Der Flug ging pünktlich um 20 Uhr. Im Flugzeug ging es mir nach und nach schlechter. Bei der Landung bekam ich plötzlich derart heftige Ohrenschmerzen, dass ich vor Schmerzen fast in Tränen ausgebrochen wäre. Als ich diese Horror-Landung schließlich überstanden hatte, waren meine Ohren taub. Sie gingen auch trotz mehrfacher Versuche, den Druck auszugleichen, nicht mehr auf. Wie in Watte gepackt schleppte ich mich zur Gepäckausgabe und wartete auf meinen riesigen, übergewichtigen Auswanderungskoffer.

Auswandern, ein spannendes Abenteuer?
Ich war nicht mal am Flughafen in Kopenhagen angelangt und hatte schon gründlich die Lust verloren! Was für eine Schnapsidee! Am liebsten hätte ich auf der Stelle alles rückgängig gemacht, mich zuhause in mein Bett verkrochen und mir die Decke über den Kopf gezogen.

Zwischenzeitlich war es nach 22 Uhr. Angeschlagen machte ich mich mit dem Zug und der S-Bahn auf den Weg nach Lyngby, wo mich mein Däne am Bahnhof abholen würde. Er freute sich riesig auf mich und war bereits sehr aufgeregt, wie mir unsere neue Wohnung gefallen würde.

Meine Freude würde aufgrund meines aktuellen Zustandes wohl noch ein wenig warten müssen.

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