Die letzten Wochen in Deutschland

Die letzten Wochen in Deutschland waren angebrochen.

Ich hatte die verbleibende Zeit gedanklich in Etappen eingeteilt, die jeweils von einem kurzen Aufenthalt in Kopenhagen beendet wurden.

August bis Anfang September war ich noch massiv im Job eingespannt und arbeitete bis zum Umfallen, um alle Themen fertigzustellen. Danach flog ich einige Tage nach Kopenhagen und begann, die Einwanderung zu organisieren.

Ich beantragte bei der zuständigen Behörde (Statsforvaltning) eine Art Aufenthaltserlaubnis/Registrierung („bevis for registrering“). Ich musste hierzu meine deutschen Konten offenlegen und durfte auf dieser Basis 5 Jahre in Dänemark wohnen und arbeiten. Sollte ich in dieser Zeit nicht allzu unangenehm auffallen, war ich sicher auch über diesen Zeitraum hinaus als steuerzahlender Einwohner willkommen. Nur wenige Tage nach der Beantragung lag der „bevis for registrering“ schon im Briefkasten. Meine Einwanderung wurde langsam offiziell.

Die Sprach-CD hatte ich mittlerweile beendet. Daher entwickelte ich ein eigenes System, um weitere Vokabeln zu lernen. Hierfür nutzte ich meinen Roman mit mir massenweise unbekannten Wörtern sowie eine Excel-Datei, in der ich diese eintrug, Formeln hinterlegte und mich daraufhin selbst abfragte. 🙂 Mein Wortschatz wuchs und wuchs. Doch sprechen wollte ich immer noch nicht. Das verschob ich auf die Zeit nach der Auswanderung.

Mein Däne beantragte ein Festnetz für das geplante Home Office. Festnetze sind in Dänemark längst nicht so üblich wie in Deutschland, und junge Leute besaßen grundsätzlich nur noch ein Handy in ihren Wohnungen und Häusern. Die inländischen dänischen Handypreise waren im Vergleich zu Deutschland sehr niedrig. Ein Festnetz lohnte sich nicht mehr. Die ersten Handyflats und SMS-Flats waren längst auf dem Markt und billig.

Die dänische Mobilfunkbranche war der deutschen weit voraus. Dies konnte man schon im Zug und in der S-Bahn merken. Viele hatten geschäftig ein Handy in der Hand und ließen ungerührt auch den Rest der Passagiere an ihrem Telefongespräch teilhaben. Für mich als Deutsche war das sehr befremdlich. In Deutschland verließ man taktvoll den Raum, wenn das Handy klingelte. Man wollte andere mit seinem Telefonat nicht stören. Allerdings klingelten die Handys in Deutschland nicht halb so oft wie hier bei den Dänen. Würden sich die Dänen alle zum Telefonieren diskret zurückziehen, zum Beispiel in den geschlossenen Vorraum im Zug bzw. der S-Bahn, wären die Abteile wie leergefegt, während sich der telefonierende Mob im Vorraum drängelte.

Das Legen eines Festnetzanschlusses für mein Home Office kostete über 100 Euro, aber ich wollte auch generell für Anrufe aus Deutschland erreichbar sein. Für ausländische Festnetze existierten zwischenzeitlich günstige Vorwahlen, jedoch nicht für ausländische Handys.

Nach den Tagen in Kopenhagen reiste ich wieder nach Deutschland zurück. Die vorletzten Etappe in der alten Heimat stand an. Diese stand im Zeichen der Einarbeitung meiner Nachfolgerin. Ich war sehr gespannt und auch etwas aufgeregt, meine Nachfolgerin kennenzulernen. Schon Wochen vorher zerbrach ich mir den Kopf um die Einarbeitungszeit und betete, dass die Chemie einigermaßen passte. Schließlich würden wir mehrere Wochen täglich viele Stunden zusammen verbringen und daraufhin noch 3 Monate lang täglich stundenlang eine Standleitung zwischen Kopenhagen und Mannheim einrichten.

Als ich Tina das erste Mal sah, wusste ich sofort, dass wir wunderbar miteinander auskommen würden. Ich war sehr erleichtert. Die nächsten Monate waren gerettet 🙂 Wir legten uns beide sehr ins Zeug, um noch möglichst vieles in die persönliche Einarbeitungszeit unterkriegen zu können.

Abends zuhause war ich immer noch fleißig beim Brücken abbrechen. Obwohl ich schon seit 2 Monaten am Projekt „Auswandern aus Deutschland“ arbeitete, war bereits abzusehen, dass ich das Projekt bis zu meinem Umzug Mitte Oktober nicht ganz abschließen können würde. Denn manche deutsche Behörden oder Unternehmen hatten ein sehr ausgeprägtes Sitzfleisch und legten mir kleinere Stolpersteine in den Weg, die den Papierkram bis in die Zeit nach der Auswanderung verlängerten. Somit musste ich eben von Kopenhagen aus noch weitere Brücken abbrechen.

Ein gutes Beispiel für so einen Stolperestein war die Deutsche Telekom.

Den Anschluss hatte ich bereits vor vielen Wochen schriftlich gekündigt, ordnungsgemäß nach den AGB der Telekom. Ich benötigte schnellstmöglich eine Kündigungsbestätigung der Telekom, da ich vor einem halben Jahr einen DSL-Vertrag für eine Internet-Flatrate abgeschlossen hatte mit einer Mindestlaufzeit von einem Jahr. Diesen konnte man im Falle eines Umzuges außerhalb des Einzugsgebietes dieses Anbieters kündigen. Doch hierfür benötigte der Anbieter die Kündigung des Telefonanschlusses als Beweis.

Nichts leichter als das, dachte ich, und wartete optimistisch auf die versprochene Kündigungsbestätigung der Telekom. Ich wartete eine Woche. Ich wartete noch eine Woche. Dann versuchte ich, die Telekom einmal anzurufen. Nach mehreren Versuchen und 10 Minuten Warteschleife inklusive beruhigender Musik erreichte ich einen netten Menschen im Telekom-Call Center. Dieser war verwundert, dass ich die Kündigungsbestätigung noch nicht erhalten hatte, denn er konnte sie im System sehen. Er versprach mir die erneute Versendung der Kündigungsbestätigung in den nächsten Tagen. Ich wartete eine Woche. Ich wartete noch eine Woche. Das nochmals hinzugezogene Call-Center versprach einen weiteren Versand des Dokuments, was sich einfach nicht versenden lassen wollte. Ich wartete eine Woche…. ich wartete… lassen wir das.

Nach mehreren Anrufen und Mails mit zunehmend verbittertem Ton meinerseits gab ich schlussendlich irgendwann auf. Die Telekom saß am längeren Hebel. Sie wollten mir das Fetzchen Papier einfach nicht zusenden. Daher musste ich meine Internetflatrate noch einige weitere Wochen behalten.

Während ich mich die ersten Wochen über solche Dinge noch maßlos ärgerte, entwickelte sich gegen Ende des Projekts „Auswandern“ bei mir eine wohltuende und nie gekannte Gelassenheit. Ich verabschiedete mich vom Gedanken an die perfekt abgeschlossene Auswanderung. Schließlich war ich auch nicht aus der Welt. Ich akzeptierte, dass ich nicht alles kontrollieren konnte, auch wenn ich perfekte Vorbereitungen getroffen hatte. Erstmals versuchte ich, meinen zwanghaften Perfektionismus zu lockern. Eine befreiende Entwicklung.

Meine Grundnervosität hatte sich generell abgemildert.
Doch je näher der große Tag rückte, desto mehr Selbstzweifel bekam ich. Ich zweifelte daran, dass ich für einen solch großen Schritt überhaupt geeignet war. Ich bekam Angst vor der Zukunft in der Fremde. Zuhause in meiner Wohnung, alleine und gestresst, wurde ich manchmal plötzlich von Heimweh übermannt. Gleichzeitig litt ich unter schlechtem Gewissen, weil ich meinen Vater und Bruder zurücklassen würde. Mein Mut war verschwunden. Plötzlich fühlte ich mich zu schwach für meine Pläne.

Meine Kollegin Evi schickte mir in dieser ambivalenten Zeit einen Spruch, der mir half.

Stärken und Schwächen
sind kein Widerspruch.
Denn immer zeugt es von Stärke,
Schwäche zu zeigen und dazu zu stehen.

Ende September reiste ich ein letztes Mal vor meinem großen Umzug für ein paar Tage nach Kopenhagen zu meinem Dänen. Dort, zusammen mit ihm, fielen die Ängste und Selbstzweifel von mir ab.

Die IT-Abteilung hatte mir für das Home Office einen Laptop vorbereitet. Meine Nachfolgerin und ich testeten daraufhin erstmals unsere künftige Arbeitsweise von meinem Home Office aus. Alles funktionierte auf Anhieb und ich hatte einen weiteren Check auf der Auswanderungs-To-Do-Liste.

Einen Tag später stürzte das Laptop aus heiterem Himmel ab. Ein Virus. Nun würde das Laptop nochmal neu eingerichtet werden müssen, und eine weitere Testmöglichkeit bestand nicht mehr. Wir mussten eben darauf setzen und hoffen, dass alles funktionierte, wenn wir in 2-3 Wochen loslegten.  So what? Das würde schon alles klappen, dachte ich mir, und wunderte mich selbst über die neue Gelassenheit.

Am 25.9. flog ich zum letzten Mal nach Deutschland zurück – gestärkt und mit neuer Energie für die letzte Etappe: „Abschiede….“

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