Dänemark nach den ersten Lockerungen

„Wir asphaltieren den Weg, während wir auf ihm fahren…“

So die Worte der dänischen Regierung, als vor 3 Wochen die ersten Lockerungen begonnen wurden. Auf dem ersten Stück Asphalt sind wir jetzt also 3 Wochen lang gefahren. Mit einem „neuen Schulkonzept“, geöffneten Kitas und einer kurzfristig anberaumten Erweiterung der ersten Lockerungsphase, d.h. der Öffnung diverser Betriebe wie Friseure, Kosmetiksalons usw.

Der erste Asphalt ist getrocknet und es scheint, Dänemark fährt bislang gut damit.

Die Kitas und Schulen für die Klassen 1-6 (sowie für Abiturklassen) sind seit drei Wochen offen, und wie gestern bereits auf dem Blog berichtet, gab es bislang an unserer Schule noch keine Corona-Meldung.

Auch an den anderen Schulen und Kindergärten im Land verbleibt es ruhig. Kurz nach der landesweiten Öffnung der Schulen wurde offenbar ein Lehrer positiv getestet, der einige Wochen zuvor kränklich war, der jedoch beim Schulstart längst keine Symptome mehr aufwies. Eine neue Ansteckungskette wurde an dieser Stelle jedoch offenbar nicht in Gang gesetzt. Von dieser kurzen Episode einmal abgesehen, hat man von weiteren Fällen nichts gehört.

Auch die generellen Corona-Zahlen haben sich seit den Lockerungen in Dänemark bisher nicht groß verändert.

Die Anzahl der tödlichen Verläufe verbleibt mit circa 10 pro Tag stabil. Die Anzahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern schwankt leicht, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Vor drei Tagen gab es hier nach wochenlanger Reduktion dieser Zahlen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen plötzlich wieder leichte Patientenzuwächse. Gestern fiel diese Zahl jedoch wieder auf dasselbe Niveau wie vor diesen 3 Tagen. Also auch an diesere Stelle bislang keine wirkliche Veränderung.

Die Ansteckungsrate wurde Ende April mit 0,9 berechnet, also etwas höher als die vor den Lockerungen geschätzte Reproduktionszahl von 0,6. Hier spielt eventuell auch Ostern eine Rolle, das hier in Dänemark traditionell in sehr geselligem Kreise gefeiert wird. Die dänischen „påskefrokoste“ sind zwar nicht ganz so wild wie die berüchtigten „julefrokoste“ in der Vorweihnachtszeit, aber dennoch deutlich geselliger (und feuchtfröhlicher) als ich Ostern noch aus meinen deutschen Zeiten kenne 😉

Ganz so gesellig wurden die „påskefrokoste“ dieses Jahr zwar sicherlich nicht abgehalten, aber die ein oder andere Familie ist sicher dennoch aus ihrem Mauseloch herausgekrochen und hat es sich zusammen gut gehen lassen.

Schutzmasken sind in Dänemark nach wie vor kein großes Thema. Ganz vereinzelt hat man mal eine Person mit Maske im Supermarkt angetroffen. In den letzten zwei bis drei Wochen aber eher kaum noch bis gar nicht mehr. Alle Bürger sind stattdessen weiterhin dazu angehalten, konsquent Abstand zu halten. Die magischen 2 Meter!

Theoretisch dürfen sich nach wie vor bis zu 10 Menschen versammeln. Und ganz generell sollen die Einwohner Dänemarks die schrittweise Öffnung des Landes mit gesunder Vernunft und eigenen Vorsichtsmaßnahmen begleiten. Was die Dänen durchaus sehr unterschiedlich interpretieren, aber im Großen und Ganzen scheint das alles bislang ganz gut zu funktionieren.

Der ein oder andere gesellige „Hotspot“ im Lande, der trotz wiederholter Belehrung und Aufforderung der dänischen Polizei für sonnenhungrige Dänen einfach nicht weniger „hot“ werden wollte, wurde einfach rigoros für ein paar Tage per Aufenthaltsverbot komplett dicht gemacht. Zwischenzeitlich sind diese Orte jedoch wieder geöffnet worden.

Um den Bürgern zu „helfen“, den gesetzlich vorgeschriebenen Abstand und die maximale Versammlungsgröße künftig besser einzuhalten, hat die Polizei z.B. auf den beliebten Rasenflächen direkt am Wasser auf Islands Brygge passende Felder abgesteckt, auf denen jeweils 10 Personen zusammen sitzen dürfen.

Quelle: Døgnsrapport København Politi, 2.5.2020

Quelle: Københavns Politi auf Twitter
Ab und zu – gerne an den Wochenenden – werden vereinzelte Bußgelder ausgestellt. Aber ansonsten verläuft eigentlich alles friedlich im Lande.

Die Dänen scheinen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ganz generell von der Corona-Situation eher weniger gestresst zu sein. Jedenfalls platziert die Studie „Covidistress“ Dänemark auf dem vorletzten Platz bei der Frage nach dem allgemeinen derzeitigen Stresslevel (gemessener Zeitraum 30.3. bis 20.4.2020). Das Stresslevel Dänemarks wird hierbei mit „normal bis leicht erhöht“ umschrieben. Nur die Holländer sind noch entspannter. 🙂

Covidistress ist eine Kooperation von 50 Universitäten weltweit, bei der die psychologischen Reaktionen auf die Corona-Krise erhoben und miteinander vergleichen werden.

Die dänische Zeitung Berlingske sieht zwei wesentliche Gründe für das vergleichsweise niedrige Stressniveau der Dänen: Einerseits fühlen sich die Dänen dank eines starken sozialen Sicherheitsnetzes derzeit noch nicht persönlich wirtschaftlich bedroht, und andererseits scheinen die Dänen traditionell ein hohes Vertrauen in ihre Staatsverantwortlichen zu hegen… dass diese die Krise sicher bestmöglich lösen werden.

Möglicherweise hängt dieses Vertrauen wiederum mit der Größe des Landes zusammen. Ein so kleines Land wie Dänemark ist definitiv einfach zu steuern und zu kontrollieren, und Politiker sind gefühlt in kleineren Ländern etwas „näher“ dran an den Bürgern. Das scheint die Dänen insgesamt also recht gut zu entspannen.

Die positiven Entwicklungen der diversen Corona-Kurven führten vor wenigen Tagen nun auch dazu, dass die dänische Gesundheitsbehörde ihre Kontaktempfehlungen lockerte, insbesondere auch für die Risikogruppen. Im gleichen Atemzuge wurden diese Risikogruppen anhand der Erfahrungen des Gesundheitswesens aus den letzten Wochen präzisiert und Risikoabstufungen erstellt, so dass Betroffene ihr persönliches Risiko künftig besser einschätzen und für sich individuell passende, notwendige Vorsichtsmaßnahmen treffen können.

Es heißt außerdem auch ab sofort, dass sich rüstige, ältere Menschen nicht mehr so isolieren sollen wie bisher. Eine zu starke Isolierung rufe Einsamkeit und psychische Belastungen hervor, die wiederum kontraproduktiv für die Lebensqualität seien. Vielmehr sollten diese Menschen sich wieder mit ihrer Familie treffen und einen festen, kleinen Kreis an sozialen Kontakten bilden, in dem sie sich sicher bewegen können. Großeltern sollten ihre Kinder und Enkel gerne auch wieder umarmen und drücken. Physischer Kontakt sei schließlich wichtig für uns Menschen… Darüber hinaus wird empfohlen, mit den Familienmitgliedern sowie anderen sozialen Kontakten offene Gespräche zu führen, über deren jeweiligen Umgangskreis und das daraus eventuell entstehende Risiko, auch im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu einer der Risikostufen. Letztendlich kann anhand dieser Bewertungen dann jeder die Verantwortung für sich selbst übernehmen und handhaben. Die Eigenverantwortung der Bürger ist also wieder gefragt.

Verlaufen die Kurven weiterhin kontrolliert, wird es nach dem
10. Mai mit den Lockerungen weitergehen.

Dänemark wartet also gespannt auf Phase 2!

4 Kommentare zu „Dänemark nach den ersten Lockerungen“

  1. Hallo Maryleen 17,
    gern lese ich Deine Kommentare über Dänemark und das Geschehen hier. Du lebst in Kopenhagen, wie ich mittlerweile herausgefunden habe und in diesem Zusammenhang habe ich ein paar Zweifel, ob Du hier in deinem Block die Interessen aller in Dänemark lebenden Menschen vertrittst.
    Ich selbst lebe in Sydjylland und bin vor Jahren ausgewandert
    Ich meine es nicht böse, aber Du teilst uns mit, wie Dein Leben mit Kindern, Schule etc. verläuft. Das ist auch gut so, Aber, aus der Distanz vorn Kopenhagen heraus vergisst Du leider auch die Nöte der anderen im Land lebenden Menschen. Z.B. die Menschen, die vom Tourismus leben. Wir, ja auch ich, leben als Deutsche in Dänemark von der Vermietung unserer Ferienhäuser und Ferienwohnungen. Wir freuen uns, wenn die Dänische Regierung Lockerungen zulässt, aber wir warten auch sehnsüchtig auf die Öffnung der Grenze zu Deutschland, damit wir unser Vermietungsgeschäft und somit unser Einkommen hier erreichen und sichern können. Dies ist für uns gerade sehr, sehr wichtig.

    Also, sei nicht böse über diesen Hinweis. Ich freue mich auf Deine Antwort

    Liebe Grüße aus Skovby, Sydals
    Jürgen eller Jørn

    1. Hallo Jürgen, eller Jørn,
      danke für Dein Kommentar.
      Mein Blog erhebt nicht den Anspruch, die Interessen aller in DK lebenden Menschen zu vertreten 🙂 Der Blog ist einfach nur ein Personal Blog und ich berichte aus meinem Leben in DK. Die Nöte anderer Menschen, egal ob in DK oder anderswo, vergesse ich bestimmt nicht – darüber schreiben dürfen sie aber gerne selbst. 😉 Ich selbst habe im Übrigen ähnliche Nöte wie andere auch – ich arbeite in einer Exportfirma mit Export in 70 Länder weltweit…. und ich weiß nicht genau, wie und ob es dort für mich weitergehen kann. Insofern wäre mir die Öffnung aller Grenzen dieser 70 Länder ebenfalls sehr recht 🙂 Beeinflussen kann ich es aber leider nicht, und insofern bleibt uns allen nur,gespannt abzuwarten, was passiert und hoffen natürlich das Beste.
      Das “entspannt” in meinem letzten Satz war (neben dem gespannt, wie wir es sicher in ganz vielen Ländern derzeit sind) auf die Covidistress-Studie bezogen, die den Dänen ja bescheinigt, vergleichsweise niedrigen Corona-Stress zu empfinden.
      Dass die Reisebranche derzeit sehr gebeutelt ist, und das nicht nur in DK, steht natürlich außer Frage und ich wünsche Euch an dieser Stelle alles erdenklich Gute !!
      Lieben Gruss nach Sydals….. sehr schöne Ecke und SO tolle Strände ♥
      Mary

    1. Ich mag das Asphalt-Bild auch gerne…. sehr passend im Moment! Und ja, ich persönlich empfinde die Dänen als relativ entspannt. Der Puls geht meist nicht so schnell in die Höhe 🙂 Was meinen deutschen Puls manchmal wiederum in die Höhe treiben kann….

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